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Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9873
Letzte Aktualisierung: 16.11.2017

Friseurin - 3.000,- Euro netto !

     Personalsuche im Friseurhandwerk : ein schwieriges Thema!



Da gibt es die Bewerber, welche direkt bei der Einstellung Schwarzgeld fordern, andere bemühen sich gar nicht erst. Aus sechs Monaten Mitarbeitersuche über die Agentur für Arbeit bin ich im stolzen Besitz von über 70 Mitteilungen, die mir ankündigen, welche arbeitssuchende Friseurin sich bei mir bewerben soll. Gekommen oder gemeldet haben sich davon drei! (Siehe oben.)

 

Meine Beschwerde bei einer Mitarbeiterin der Agentur brachte mir den Ratschlag , Friseure sollten bessere Löhne zu zahlen.
Anmerkung hierzu: meinerseits als Initiator der Wertegemeinschaft „der faire Salon“ zahle ich diese.

Mich wundert das alles nicht, leben doch einige unserer Arbeitssuchenden wie die Made im Speck. Täglich sehe ich Friseurinnen, die vor Jahren aus den Salons ausgeschieden sind, hier um die Häuser ziehen. Köfferchen in der Hand, teilweise wöchentlich immer zur gleichen Zeit.

Vor wenigen Tagen postete ich hier in Facebook einen Artikel der FAZ, die ausgebliebene Resonanz wundert mich bis heute.
Dieter Schneider hat diesen Beitrag einmal hinterfragt und recherchiert. Herzlichen Dank für diese Mühe und für diese klare Aussage.

So und nicht anders sieht es wirklich aus im Friseur-Deutschland.
Wann werden die zuständigen Stellen endlich mal wach? Hat schon mal jemand nachgerechnet, was uns (den Steuerzahlern) das kostet?
                                                                                                                                                                                                Rene Krombholz

Hier der Beitrag von Dieter Schneider:

Von guten Mächten lebenslang gestützt

Das ist die Überschrift eines ganzseitigen Artikels im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. August 2014.

Einleitend als zweite Überschrift steht dann da, worum es dem Autoren Christoph Schäfer geht:

Eine Million Menschen leben in Abhängigkeit von der Sozialhilfe, seit es Hartz IV gibt. Wer wissen will, warum sie keinen Weg herausfinden, muss Menschen wie Nazli treffen.

Aus dem folgenden FAZ-Text ergibt sich:

Nazli ist eine in Deutschland vor 41Jahren geborene Türkin, die in Frankfurt am Main lebt. Nach dem Hauptschulabschluss machte sie eine Lehre als Friseurin, die sie mit 19 Jahren erfolgreich abschloss. Sie heirate mit 24 Jahren und bekam einen Sohn. Dann trennte sie sich im Bösen von ihrem Mann.

Die FAZ beschriebt das so: Ihr Mann verschwand aus ihrem Leben, das Sozialamt kam hinein. Als Alleinerziehende arbeitet sie drei Jahre nicht, danach entweder als Friseurin in Teilzeit, manchmal mit voller Stelle. Für ein Leben ohne Jobcenter hat es dennoch nie gereicht, schreibt die FAZ. Ihr Lohn war stets zu niedrig, um zwei Leute durchzufüttern. Derzeit verdient Nazli etwa 900 Euro netto im Monat. Den Job hat sie aber gerade erst angetreten.

Sie arbeitet dort mittwochs bis Samstags von 9 bis 18 Uhr. Dienstags nur, wenn sie gebraucht wird. …Der Chef hat ihr mündlich aber etwas mehr als 1100 Euro Brutto versprochen. Macht laut Brutto-Netto-Rechner knapp 900 Euro im Monat, das hat Nazli im Internet nachgeschaut. Wirklich entscheidend sind für sie aber einige Euro mehr oder weniger nicht.

Um vom Amt loszukommen, müssten es schon zwei hundert Euro mehr sein.

(Fettdruck von mir, weil das ein Schlüsselsatz ist.)

Auf der Einnahmenseite bekommt sie zunächst nur 900 Euro netto. Dann kommt laut FAZ-Artikel die „Stütze“ dazu:550 Euro Kaltmiete, 145 Heizung, 76 Euro Strom. Macht zusammen 771 Euro für Wohnen….Gäbe es das Sozialamt nicht, hätte sie für sich und ihren Sohn nur 130 Euro im Monat zu essen, schreibt die FAZ. Das ist aber noch nicht alles. An anderer Stelle steht:

Der Staat zahlt Nazli Miete, Monat für Monat. Er übernimmt ihre Heizkosten und überweist soviel Geld zusätzlich, dass ihr Gehalt zum leben reicht.

Wer das als FAZ-Leser aufmerksam liest, muss sich fragen: Wie kann es sein, dass eine alleinerziehende Friseurin in (Fast)-Vollzeit nicht davon leben kann? Hoffentlich führt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro dazu, dass dann - wie die Politiker behaupten – Hartz IV nicht mehr notwendig ist.

Jetzt versuche ich mal etwas hinter die Kulisse des Theaterstücks zu schauen, das da dem FAZ-Journalisten und anschließend den FAZ-Lesern vorgeführt wird:

  1. Der hessische      allgemeinverbindliche Mindestlohn für ausgebildete Friseurinnen liegt      zwischen 1.353 und 1.695 Euro. Mit 41 Jahren und Topkraft nach eigenen      Aussagen und dem hessischen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag müsste sie      als Vollkraft eher 1.695 Euro als 1.353 Euro im Monat bekommen. Bei einer      Arbeitszeit von 32 Stunden etwa 80% davon. Die Formulierung „am Dienstag nur, wenn sie gebraucht      wird“, deutet daraufhin, dass sie dafür schwarz bezahlt wird. Dass sie      nicht gleich einen schriftlichen Arbeitsvertrag mit ihrem Arbeitgeber abgeschlossen      hat, macht auch hellhörig. Der ist gesetzlich und tariflich      vorgeschrieben. Wenn der Zoll Finanzkontrolle-Schwarzarbeit in das Geschäft      unangemeldet reinschaut - was auch in Friseursalons immer mehr der Fall      ist, - gäbe es schon deshalb erheblichen Ärger für den Arbeitgeber und die      Friseurin. Die bekommen in solchen Fällen des Öfteren zu hören: „Ich habe      hier gerade erst angefangen oder „ich helfe hier ausnahmsweise aus.“
  1. Angestellte      Friseurinnen und Friseure, bekommen Trinkgeld. Bei einer Vollzeitkraft      können das in Frankfurt zwischen 200 und 500 Euro sein. Trinkgelder sind      zwar steuerfrei und sozialabgabenfrei, müssen aber bei den      Arbeitsagenturen als anrechenbares Einkommen angegeben werden. Das wären      dann schon die 200 Euro, mit denen zusätzlich die Friseurin Nazli nach      ihren eigenen Worten vom Amt loskäme.
  1. Zumindest für      ihr Kind müsste sie von ihrem Exmann Unterhaltszahlungen bekommen. Dazu      steht in der FAZ: Ihr Exmann zahlt      keinen Unterhalt, kauft ihrem Sohn lediglich die Schuhe. Der bekommt,      glaube ich, selbst Hartz IV. Also kein Versuch auf rechtlichem Wege,      sich Unterhaltszahlungen zu sichern.
  1. Bei Friseurinnen      und Friseuren ist es naheliegend nach „privater“ Tätigkeit zu fragen. Dazu      erzählt die Friseurin dem Journalisten freimütig etwas:

      Um sich etwas mehr gönnen zu können (an anderer Stelle: 150 Euro im Monat für Zigaretten) schneidet Nazli auch in ihrer Freizeit Haare. In ihrem Wohnzimmer, schwarz, am Amt vorbei.            „Anders geht es nicht“. Sie weiß, dass das nicht in Ordnung ist.

 

      „Aber andere Hartz IV Leute sind noch abgewichster als ich. Die behaupten, sie seien       nicht belastbar und gehen erst gar nicht arbeiten.“

 Das ist ein weiterer von mir fettgedruckster Schlüsselsatz, weil er andeutet, was die Friseurin wahrscheinlich tun würde, wenn die Arbeitsagentur auf Grund der geschilderten Fakten die Stütze streichen würde. Dann würde sie das Heer der 13.235 (im Jahre 2011) arbeitslos gemeldeten Friseurinnen und Friseure verstärken oder einen Kleinstbetrieb unter 17.500 Euro betreiben und dann weiter „lebenslang gestützt“ werden. Jetzt ist auch die zweite Überschrift des FAZ-Artikels (siehe oben) voll zu verstehen:

 

 Eine Million Menschen leben in Abhängigkeit von der Sozialhilfe, seit es Hartz IV gibt. Wer wissen  will, warum sie keinen Weg herausfinden, muss Menschen wie Nazli treffen….  Und dann darüber nachdenken, was die Friseurin sagt und nicht sagt. Das tue ich im Folgenden:

Schätzen wir mal das tatsächliche monatliche Einkommen der beispielhaften Friseurin Nazli

900 Euro   Nettolohn vom Arbeitgeber

184 Euro   Kindergeld (das in dem Beitrag in der FAZ als Einkommen nicht erwähnt wird)

771 Euro   „Stütze“ vom „Amt“ (unklar ist dabei, wie viel Stütze zusätzlich es in bar gibt)

200 Euro   Trinkgeld mindestens (vermutlich)

100 Euro   Schwarzlohn netto (mindestens) für Arbeiten am Dienstag (vermutlich)

800 Euro   Eigene Schwarzarbeit (vermutlich)

2.955 Euro   Nettoeinkommen

Da muss sich selbst eine Spitzenfriseurin in vergleichbarer Situation, die 2.500 Euro im Monat durch leistungsbezogenen Lohn verdient und ordentlich Trinkgeld bekommt, für blöd halten, wenn sie voll arbeitet und gar nicht daran denkt, nach oder während einer harten Arbeitswoche noch schwarz außerhalb der Familie Haare zu schneiden.

Jetzt kann die berechtigte Frage gestellt werden, ist der geschilderte Fall eine „Schwalbe, die noch keinen Sommer macht“, oder eine „Ratte – eine siehst du und hundert sind im Keller.“ Ich bin der festen Überzeugung, dass das kein „Ausreißer“ im negativen Sinne ist, sondern typisch für die Situation in diesem Bereich des Friseurmarktes.

In dem FAZ-Artikel kommen die Friseure als Arbeitgeber schlecht weg mit dem Tenor: Was du als Friseur oder Friseurin verdienst, reicht nicht zum Leben. Mitarbeiter bei der Arbeitsagentur müssen doch da zu dem Schluss kommen: Wenn wir einem jungen Menschen raten, Friseur oder Friseurin zu werden, bekommen wir einen weiteren zukünftigen Kunden.

Bei dem in dem in der FAZ geschilderten Fall der Friseurin Nazli ist dann die Rede von „multiplen Vermittlungshemmnissen“ und „zuviel Probleme, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können“.

Dabei gibt es nur ein einziges Vermittlungshemmnis und überhaupt kein Problem der Friseurin Nazli, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können.

Das einzige Vermittlungshemmnis im Fall Nazli ist ihr praktiziertes erfolgreiches Geschäftsmodell.

Wenn das geschilderte Geschäftsmodell in dieser oder ähnlicher Form sich immer weiter verbreitet, wird das Friseurhandwerk insgesamt immer größere Probleme bekommen, noch Menschen zu finden, die bereit sind, auf normale, d. h. ehrliche Weise als Friseur oder Friseurin zu arbeiten.

Dieter Schneider

  

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