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Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9873
Letzte Aktualisierung: 23.11.2017

Interview für VR-FUTURE

Kundenmagazin des Bundesverbands der Volksbanken und Raiffeisenbanken über die Wertegemeinschaft „der faire Salon“


Fragen

Friseurhandwerksbranche

Gibt es Entwicklungen, welche die Branche nachhaltig beeinflussen? Wenn ja, welche?

Das ist leider ein Teufelskreis geworden: weniger Geld bei den Bürgern führt zur verstärkten Nachfrage bei Billigfriseuren – dem mittlerem Preis und Leistungssegment brechen die Umsätze weg – das führt zur Freistellung von Mitarbeitern die in die Selbstständigkeit flüchten oder von zu Hause aus weiter tätig sind. Eine junge Frau mit Kind hat mit Hartz IV deutlich mehr Einkommen als wenn sie arbeiten würde. Das passiert aber nebenbei und entzieht der Branche erheblichen Umsatz.

 

Bei immer mehr Menschen hierzulande wird das Geld knapp. Scheren sie sich deshalb weniger um ihren Kopf? (Umsatz?)

Während die Frauen vor 15 Jahren noch alle 4-5 Wochen zum Friseur gingen sind es inzwischen 7 Wochen geworden. Die Besuchsintervalle werden gestreckt. Ohnehin gehen nur noch ca. 40% der Bundesbürger regelmäßig zum Friseur.

Die Umsätze des Friseurhandwerks in Deutschland sind in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Der Umsatzrückgang in der Zeit von 2000 bis 2009 beläuft sich auf – 19,5 %

Wie steht es um das Friseurhandwerk in Deutschland?

Dem Umsatzrückgang von 19,5 % stehen gleichzeitig 21,8 % mehr Betriebe gegenüber!

Der Kuchen der die Branche ernähren soll ist deutlich kleiner geworden, obwohl viel mehr Esser da sind!

 

Die Gruppe der Kleinstselbständigen ist massiv gewachsen. 2005 zählte die Branche noch 57.579 Unternehmen, 2009 waren es bereits über 66.000. Man spricht von einer so genannten „Atomisierung der Branche“. Was ist der Grund dafür?

 

Inzwischen sind es (2009) über 77.000 Betriebsstätten, der Zuwachs seit 2000 beträgt 21,8%.
Der rasante Zuwachs hat mehrere Gründe:

  • Die      Friseur-Industrie hat Discountbereiche und Franchising Konzepte      geschaffen, hieraus entstanden neue Betriebstätten / Filialisten.
  • In      den herkömmlichen Unternehmen wurden im vorgenannten Zeitraum aus Kostengründen (zu wenig Umsatz) 22,6      % der Mitarbeiter entlassen. ( das ist jede 5te Friseurin) Viele      flüchteten mit Unterstützung der Agentur für Arbeit in die      Selbstständigkeit.
  • Beachtenswert      ist auch: 30% der Friseurbetriebe gelten als Kleinstunternehmen. Sie      verzeichnen einen Umsatz von weniger als 1.750,- € im Monat und brauchen      daher keine 19% Umsatzsteuer abführen sondern diese als Gewinn verbuchen.

     

     

    Im dritten Ausbildungsjahr bekommen angehende Friseure zwischen 341 und 542 Euro**. Trotzdem ist der Friseurberuf einer der Top-Ten-Ausbildungsberufe, den vor allem junge Frauen mit Hauptschul- oder Realschulabschluss anstreben. Was macht ihn so attraktiv?

    Das muss man differenziert sehen:

  • Schulisch      schwache Berufsanfänger wählen wegen der Schwächen lieber praktisches Arbeiten  und verkennen die Anforderungen. Mode, Schönheit, auch das lockt – die knallharte Arbeit dahinter wird nicht vermutet. Hier findet sich auch der Grund , weshalb viele Berufsanfänger abbrechen oder nach der Ausbildung  umsatteln.
  • Die  Agentur für Arbeit bringt schwer vermittelbare Jugendliche besonders gern im (Friseur)Handwerk unter und finanziert den Betrieben auch die  Ausbildung. Für viele Unternehmen sind diese jungen Menschen preiswerte  Arbeitskräfte, die nach der  (meist nicht unzureichenden) Ausbildung auf die Straße gesetzt werden.     
  • Ein  ( leider recht kleiner ) Teil der Berufsanfänger ist mit Leib und Seele dabei und auch in der Lage , die Anforderung zu erfüllen.

    Dieses alles bringt aber nicht die qualifizierten Kräfte,  welche das Friseurhandwerk eigentlich zur Gesundung braucht.

    Billigfriseurketten, die ihre Dienstleistungen rund ums Haar für Dumpingpreise von 10 Euro anbieten, schießen immer mehr aus dem Boden. Wie wirkt sich das auf die klassische Friseurbranche aus?

    Natürlich werden diese Angebote von Kunden genutzt. Wie diese Preise zu Stande kommen, wird nicht hinterfragt. Selbst Berichte in den Medien über Lohndumping, erfolgreiche Razzien oder auch ungelernte Arbeitskräfte am Friseurstuhl sind den Kunden gleichgültig sofern der Preis stimmt.

    Fatalerweise werden vom Verbraucher nur die Preise verglichen, nicht die Leistung – oder was dahinter steckt - das setzt die ganze Branche unter Druck.

    Qualifiziert mit Haaren umzugehen, verlangt eine gute Ausbildung und Weiterbildungen. Doch Friseure liegen mit 15.787 Euro* ganz unten auf der Skala der durchschnittlichen Bruttojahresverdienste. Warum verdienen sie eigentlich so schlecht?

     

  • Auch      dieses ist relativ zu sehen.
         Die zu große Anzahl von Betrieben führt zu einer geringeren Auslastung (Kundenzahl) in den herkömmlichen Salons. Vielfach rechnet man schon mit 50%  Leerlaufzeiten.
  • Löhne  können aber nur von dem gezahlt werden, was vorher eingenommen wurde.  Mitarbeiter ,die durch gute Qualifikation eine 70-80%ige Auslastung und durch professionelle Beratung Mehrumsätze erreichen gehören auch heute zu    den Besser-Verdienern da in diesen Fällen oft auch Prämien oder  Leistungslohn gezahlt werden.
  • Nicht  zu vergessen das Trinkgeld. Eine gute Friseurin wird problemlos ihre 20,-      €uro am Tag erreichen, das macht im Monat 450,- €uro netto. Dafür muß man  in anderen Berufen erst einmal 1.000 €uro Brutto verdienen. Mitarbeiter hören das nicht gerne – aber Fakt ist: das Geld ist schließlich real  vorhanden!

    Übrigens:

    Selbst dem Unternehmer stehen von 1,- €uro Einnahme lediglich 11 Cent als Nettogewinn zur Verfügung. Das Unternehmereinkommen der Friseure in der BRD betrug 2008 durchschnittlich 1.399,- €uro monatlich. Damit verdienen Friseurunternehmer heute meist ebenso viel oder wenig wie angestellte Mitarbeiter.

    Mit Ihrer Initiative „Der faire Salon“ haben Sie der „Geiz-ist-geil-Mentalität“, die Lohndumping und Billigheimer hervorbringt, den Kampf angesagt. Was wollen Sie damit erreichen?

     

    Es macht mich wütend, wenn Unternehmen mit „Starfriseuren“ und Niedrigpreisen werben und sich herausstellt, das es sich bei den „Stars“ um Schaafshirten aus Apulien handelt – mit Touristenvisum hier eingereist und mit Hungerlohn abgespeist. So kann jeder preiswert sein!

    Aber das ist unfair wie so vieles in der „Geiz ist geil Denke“

    Respekt (zum Beispiel vor der Leistung des Anderen) ist da ein wesentlicher Punkt.

    In jüngster Vergangenheit haben sich unsere Menschen im Fachhandel professionell beraten lassen, gekauft wurde dann vor den Toren der Stadt beim Discount. Das ist respektlos vor der Beratungsleistung und hat dazu geführt,  das viele Fachverkäufer den Arbeitsplatz verloren.

    Gekauft wird heute im Geiz ist geil Geschäft zu billigen Preisen und mit mangelnder Beratung. Produziert werden diese Waren in Fernost und Asien – die Kosten der hier verlorenen Arbeitsplätze finanzieren wir Alle!

    Wir können uns vieles kaufen und tun dieses auch, ob es wirklich den Preis wert ist bleibt oft fraglich. Billig auf Masse produziert ist es nicht mehr voller Wert und für uns nicht wertvoll. Unser Konsum entspricht der schnellen Befriedigung, nicht der nachhaltigen Freude über ein wertvolles Gut. So rasen wir von Kauf zu Kauf, arbeiten für Dinge die wir eigentlich nicht brauchen und verlieren immer mehr Lebensqualität und Gesundheit.

    Der Mensch verliert und dagegen wehre ich mich.

    .
    Hier will ich aufklären und den ehrlich agierenden Unternehmen den Rücken stärken.

    Kunden müssen wissen dass es sich bei Discountpreisen um Fast-Friseure handelt.

    FAST Friseure ( Fast = schnell )

  • Leistung auf den Grundnutzen reduziert – Haare kürzen, fertig!
  • Keine feste Zielgruppe = Ziel ist einzig der Umsatz
  • Ergebnisorientiert – schneller Umsatz, Kosten sparen, kein Service
  • Keine spezielle Dienstleistungen wie Welle, hochstecken usw
  • Kein Treueverhalten von Kunden erwartet – wer kommt der kommt.
  • Kunden müssen gewisse Mängel tolerieren

    Bei Billigpreisen sieht es meist noch bedenklicher aus, die in den Medien erwähnten Dumpinglöhne stammen fast ausnahmslos aus diesem Marktsegment.

    Wie viele Geschäfte haben sich Ihrer Initiative bereits angeschlossen?

    Wir sind kurz vor 200 Teilnehmern, täglich werden es mehr. Das sind die Friseur-Unternehmen die im Markt aktiv sind, noch agieren statt nur zu reagieren.

    Trotz aller Probleme sehe ich die Zukunft der Friseurbranche positiv. Was wir derzeit erleben ist eine Marktbereinigung.

    Die Menschen stellen sich und ihre Ansprüche in den Vordergrund, sind bereit für Schönheit und Wellness zu investieren, fordern aber auch. Ein recht großer Teil der Friseure ist allerdings hiermit überfordert und wird den Ansprüchen der Kunden nicht mehr gerecht.

    Unternehmen im fairen Salon wissen, was in der Branche passiert, was der Markt verlangt und können sich leistungsmäßig darauf einstellen…

     

     

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