Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9873 Letzte Aktualisierung: 23.09.2022

Hart und fair!

Gerade mal drei Monate ist der Mindestlohn für das Friseurhandwerk allgemeinverbindlich und damit


gültig für alle Friseurbetriebe, schon tauchen neue Diskussionen in den Medien auf.
Der Aufschrei, das viele Unternehmer ein Einkommen unterhalb dieses Mindestlohnes verzeichnen, ist schnell wieder abgeklungen. So etwas interessiert die Betroffenen, aber nicht die bundesdeutsche Bevölkerung.

  • Aktuell sind wieder Missstände zu Ungunsten der Mitarbeiter im Gespräch. So berichtet DIE WELT am 11.02.2014 von knallharten Umsatzvorgaben für Friseure/innen, bemängelt Umsatzkontrolle der Unternehmen (hier Essanelle). Mitarbeiter fühlen sich unter Druck gesetzt.
  • Auch auf der Gegenseite gibt es Anlass zum Nachdenken: Achim Manson, Vorstandsvorsitzender der Friseurkette Essanelle rechnet für 2014 mit 1. Million €uro Gewinneinbuße. (Der Umsatz der 680 Filialen lag 2012 bei 126,5 Millionen €uro, der Gewinn bei 4 Millionen €uro.) In Anbetracht solcher Zahlen, künftig „nur noch 3 Millionen Gewinn“, bekommt ein börsenorientiertes Unternehmen Sorgenfalten. Der herkömmliche Friseurunternehmer indes reibt sich verwundert die Augen, überschlägt den Gewinn pro Filiale und wird blass. Für die Meisten seiner selbstständigen Kollegen sind solche Zahlen Utopie, sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten doch immer mehr Kunden in die Discount und Billigsalons abgewandert.
    Die familiengeführten Salons verzeichneten drastische Umsatzeinbrüche, mussten Mitarbeiter entlassen. Die wiederum trugen, als Ich-Ag gefördert, deutlich zur Explosion der Betriebsstätten bei.
    So bleiben, bei stagnierender Bevölkerung, dem einzelnen Salon zu wenige Kunden, als das es zu einem gesunden wirtschaftlichen Überleben reichen würde. Ein Großteil der Friseurunternehmer ist nicht mehr in der Lage, ein auskömmliches Einkommen zum Lebensunterhalt zu erwirtschaften.
  • Wurden die Discounter Anfangs belächelt und als kurzfristige Zeiterscheinung abgetan, so gipfelte das Ganze mit der „Geiz ist geil“ Mentalität und fand den Höhepunkt in den Billigsalons mit Konzepten jenseits von Gut und Böse.Fehlender Handlungsbedarf in Form von neuen Konzepten oder durchdachter Kalkulation führte in die Misere: aus der (wirtschaftlichen) Not heraus entstand bei vielen Friseuren ein Sumpf. Angepasste Umsätze sind, ebenso wie Schwarzarbeit oder Schwarzgeld, an der Tagesordnung. 25.000 Kleinstunternehmen in dieser Branche (weniger als 1.450.- € Monatsumsatz) zeichnen ein deutliches Bild.
  • So stehen die ehrlich und fair agierenden Unternehmer seit Jahren mit dem Rücken zu Wand. Während hier zumindest tarifliche Löhne gezahlt wurden (zu Lasten der Kostensituation) schickten Mitbewerber ihre Mitarbeiter zur ARGE und subventionierten die Preise auf Kosten des Allgemeinwohls. Andere machten es umgekehrt und entzogen der Allgemeinheit Sozialbeiträge oder Steuern.
  • Der Ruf nach dem Mindestlohn wurde (als Grundlage eines fairen Miteinander) laut, die Friseurbranche stand im Blickpunkt negativer Schlagzeilen. Die Vorwürfe des Lohndumpings u.a. nagten am Image aller, obwohl nur die schwarzen Schafe die Verursacher waren.
  • Jetzt ist er da – der Mindestlohn!
    Es ist schon verwunderlich, wenn jetzt plötzlich festgestellt wird: diese höheren Lohnkosten müssen ja erst mal erwirtschaftet werden! Erstaunen bei Mitarbeitern und Verbrauchern ob der Tatsache, das notwendige Gelder zur Lohnzahlung nicht einfach vom Himmel fallen, sondern erwirtschaftet werden müssen!
  • Die Frage muss erlaubt sein: ist es wirklich unfair von seinen Mitarbeitern einen bestimmten Umsatz zu erwarten? Sorry, die Entrüstung, die sich derzeit in der Presse breitmacht, weil beispielsweise Essanelle den dreifachen Bruttolohn als Mindestumsatz erwartet, kann ich nicht nachvollziehen.
  • Auch Journalisten wissen, wenn sie keine Artikel abliefern mit denen die Zeitung gefüllt und verkauft werden kann, werden sie den Arbeitsplatz verlieren. Niemand wird mit 50 % Leistung auf Dauer 100 % Lohn verdienen können.
  • „Umsatzvorgaben“ gibt es überall, in verschiedensten Formen, die Controller in den großen Konzernen errechnen die Rentabilität der Arbeitsplätze und nicht wenige Menschen haben in den letzten Jahren auch wegen zu niedriger Produktivität ihren Arbeitsplatz verloren.
  • Im Friseurhandwerk, wo der Stundenlohn in der Regel unter 9,- Euro brutto angesiedelt ist, reden wir hier (bei Lohnfaktor 3 wie ESSANELLE rechnet) von 27.- € pro Stunde erwarteten Umsatz. Fakt ist: keine Verkäuferin in der Boutique, im Kaufhaus oder anderswo, wird mit 27.- € Umsatz pro Stunde Ihren Arbeitsplatz erhalten können! Wenn man die Produktivität der Mitarbeiter in anderen Branchen mit dem Friseurhandwerk vergleicht wird eines sehr deutlich: es ist allerhöchste Zeit die Bequemlichkeit hinsichtlich der Mitarbeiterleistungen aber auch Kalkulation und Controlling der Unternehmer aufzugeben und aktiv zu werden.
  • Soll-Umsätze im Friseurhandwerk sind Bestandteil der BWL und sollten rechnerisch festgelegt werden. Nach der Soll-Umsatzberechnung sind Umsätze, die dem 3.0 bis -4,5 fachen des Bruttolohns eines Mitarbeiters entsprechen, notwendig um ein Unternehmen rentabel zu führen. Dieser Lohnfaktor ist abhängig von der Kostensituation des Unternehmens.
    Es ist eine Selbstverständlichkeit für den Unternehmer Umsätze (der Mitarbeiter) zu kontrollieren und auch zu fordern. Vorausgesetzt sie entsprechen den Grundsätzen einer ehrlichen Kalkulation und sind auf Grund der Preisgestaltung erreichbar.
  • Fraglich wird das Ganze, wenn beispielsweise ein Umsatz mit Lohnfaktor 4,4 bei 13,- € Preisen gefordert wird. Das gibt es auch, persönlich empfinde ich das als Sittenwidrig.
  • Auch die Anmerkung im Beitrag der WELT: „Arbeitsrechtler sehen solche Umsatzvorgaben bei Friseuren ohnehin schon kritisch, schließlich kann ein Stylist, anders als zum Beispiel ein Versicherungsvertreter, kaum mit eigenen Engagement neue Kunden finden“ .. ist falsch!
  • Richtig ist: Mitarbeiter im Friseurhandwerk müssen durch ihre fachliche und emotionale Kompetenz überzeugen und können sehr wohl, durch ihre eigene Leistung, Kunden akquirieren. Der Unternehmer hat die Aufgabe, ein Potential an Neukunden zur Verfügung zu stellen, aus denen die Mitarbeiter Stammkunden generieren müssen. Gute Mitarbeiter können das! Aber nicht alles, was in den letzten Jahren in diese Branche subventioniert abgeschoben wurde ist ausreichen um Kunden zu locken und zu binden.
  • Auch die Tatsache, das Mitarbeiter angehalten werden ihre Umsätze nachzuhalten wird plötzlich negativ dargestellt. Aber das entspricht (meiner Meinung nach) einer professionellen Mitarbeiterleistung - nur wer weiß, was er leistet, kann auch verlangen!
  • Das Überstunden gefordert und nicht bezahlt werden ist nicht neu, fair ist das nicht, im Gegenteil! Bedenklicher finde ich die Tatsache, das zu hohe Umsatzvorgaben (Lohnfaktor über 4 bei 13,- € Preisen) zur vertraglich bedingten Kürzung der Arbeitszeiten führen. Das bedeutet weniger Einkommen und trotz Mindestlohn der Gang zum Sozialamt.
  • Das Pausen nicht eingehalten werden ist auch bei anderen Friseuren Realität. Wer mit Menschen arbeitet weiß, das hier nicht alles 100% planbar ist und Kunden nicht einfach zur Seite gelegt werden können. Bei durchschnittlich 5,5 Kunden die eine Friseurin pro Tag bedient, gibt es jedoch genügend Leerlaufzeit um den persönlichen Bedürfnissen nachkommen zu können.
    Wenn eine Friseurin von 10 Uhr bis 12:30 die Däumchen gedreht hat und in dem Moment wo eine Spontankundin den Salon betritt verkündet: „geht nicht – ich habe jetzt Pause!“ zeigt sich die ganze Problematik.
  • Kritisch übrigens die Resonanz der Kunden zu diesem Beitrag auf WELT ONLINE. Mittels einer Abstimmung erfragt das Blatt die Meinung der Verbraucher.
    58,4 % sind der Meinung, dass Preise beim Friseur (trotz höherer Löhne) nicht erhöht werden müssen, weil für die Chefs genügend Gewinn übrig bleibt.
  • Kunden glauben, dass wir Friseure das Geld in Säcken nach Hause tragen, der Gewinnanteil an Dienstleistung wird vom Verbraucher unrealistisch hoch eingeschätzt. Die Ursache ist (auch) in der ewigen Schönfärberei zu suchen, niemand traut sich, alles muss schöngebügelt werden, wir wollen uns ja alle wohl fühlen…. Olympia in diesen Tagen zeigt: mit Bequemlichkeit gewinnt man keine Medaille!
    Betreffs solcher kritischen Beiträge in den Medien möchte ich die Chefs in den „fairen Salons“ (aber auch andere) dazu ermuntern: bleiben Sie fair!
    Fördern und fordern Sie Ihre Mitarbeiter! Aber bitte fair und mit einer gehörigen Portion Wertschätzung. Finger weg von Schwarzgeld jeglicher Art! Das macht Sie unglaubwürdig und erpressbar. Leben sie den Kodex des fairen Salon, Nachhaltigkeit ist Zukunft. Glauben Sie daran!
  • In diesem Sinne möchte ich Ihnen an dieser Stelle headleader vorstellen. Eine Gemeinschaft Gleichdenkender. Auch hier stehen Mensch und Wertschätzung im Vordergrund. Die Initiative DER FAIRE SALON und heartleader … gemeinsam sind wir stärker!!!!

wir stellen vor: headleaders

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