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Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9873
Letzte Aktualisierung: 16.08.2018

Wie geht Ihr mit unserer Zukunft um?

Besonders junge Menschen mit guten Abschlussnoten wenden sich anderen Berufszweigen zu.


Die Pressemeldung des Zentralverbandes, dass mittlerweile 35% der Auszubildenden dieses Berufes einen höheren Schulabschluss vorweisen, entspricht lediglich der Tatsache das heute entsprechend mehr Schüler/innen eine höhere Schule besuchen.

Dem Friseurhandwerk verbleiben oft nur die leistungsschwächeren Bewerber/innen, hier muss man sich fragen ob ein 'ausreichend' oder 'mangelhaft' im Lehrfach Deutsch für einen kommunikativen und beratenden Beruf wirklich den Ansprüchen des Berufes genügen. Gleiches gilt für andere Fächer, bei unzureichender Vorbildung sind Frust und Ärger vorprogrammiert, zumindest wird der Weg zum Erfolg kein leichter.

5 Jahre nach bestandener Gesellenprüfung sind nur noch 20 % der Friseure/innen in ihrem erlernten Beruf. Ausgelernte Friseurinnen sind gesucht, gute Fachkräfte mit Berufserfahrung schon fast eine Rarität. Kinder und Ehe führen dazu, so sagt man. In einer Zeit mit immer mehr Singles und kinderlosen Partnerschaften wird dies allerdings immer unglaubwürdiger.

Im vergangenen Sommer war ich mit der beruflichen Situation junger Menschen im Friseurhandwerk befasst. Klagen und negative Berichte oder Äußerungen die kein Ende finden wollten machten mich hellhörig.

So fing ich an Notizen zu machen:

1. Meike war im zweiten Lehrjahr und wollte einen Aufbaulehrgang einer privaten Fachschule besuchen, weil sie sich im Salon unterfordert fühlte und nur zum Haare waschen und putzen eingesetzt wurde. Der Lehrherr weigerte sich ihr für diese Zeit Urlaub zu geben oder diese Bildungsmaßnahme mitzutragen. Meike musste ihren Lehrvertrag kündigen, besuchte dann 14 Tage (ohne Lohn und Krankenversicherung) den Lehrgang welchen sie selber bezahlte. Mit bestandenen Diplom durfte sie dann erneut im Salon anfangen.

- Manteltarifvertrag für das Friseurhandwerk, hier ist festgelegt das Arbeitnehmer/innen bei Fortbildungsmaßnahmen ein Zeitraum von bis zu 6 Wochen innerhalb von 2 Jahren ohne Lohnfortzahlung zu gewähren ist. Der Lohnausfall wird erstattet wenn Mitarbeiter Prüfungen zu Fortbildungen ablegen die im beruflichen oder betrieblichen Interesse liegen.


2. Danny 17 Jahre, drittes Lehrjahr, berichtete: 'Es war schon nach 19 Uhr und ich müde da ich schon seit 10 Uhr ohne Pause durchgearbeitet hatte. Die Polizei rief an und bat mich nach Hause zu kommen da in mein Appartement eingebrochen wurde. Gehen durfte ich nicht, da sich noch ein Übungsabend anschloss der bis gegen 22 Uhr 30 dauerte. Die Sachen seien jetzt ohnehin weg, meinte mein Chef.'

- Jugendarbeitsschutzgesetz, Dritter Abschnitt: 'Jugendliche dürfen nicht mehr als 8 Stunden täglich / 40 Std wöchentlich beschäftigt werden. Zwischen zwei Ausbildungstagen muss eine ununterbrochene Pause von 12 Stunden liegen.


Viele Auszubildende gerade größerer Salons beschweren sich darüber, dass vieles der Ausbildung in die Stunden nach Feierabend verlegt wird. Tagsüber werden sie für Hilfsarbeiten benötigt, Abends finden Trainingsabende statt in welchen Lehrinhalte vermittelt werden. Ein Ausgleich, egal ob finanzieller oder zeitlicher Art findet nicht statt. Diese Trainings fallen in die Freizeit, deshalb gilt die Teilnahme als freiwillig. Trotzdem befürchten viele junge Menschen Repressalien wenn sie daran nicht teilnehmen.

- ÖTV: 'Bietet der Betrieb im Anschluss an die regelmäßige Arbeitszeit Fortbildungsmaßnahmen oder Trainings an, so beteiligen sich die Beschäftigten freiwillig in ihrer Freizeit und ohne Vergütungsanspruch daran. Sie können es aber auch sein lassen.'

Einige Berichte von Arbeitgebern die Lehrmädchen wohl anziehender finden als die eigene Ehefrau oder Partnerin möchte ich nicht vertiefen, aber auch nicht totschweigen. Es gibt so etwas immer noch. Dabei sollten sich die Betreffenden vielleicht einmal Gedanken über den Straftatbestand hierbei machen !

Nun, man hört immer das, was man hören will - dachte ich und wollte anders recherchieren. Die Klagen die ich vernahm stammten alle aus meinem Wohnort, dies machte mich stutzig. Vielleicht sammelte sich nur zufällig eine Schar unzufriedener Azubis um mich herum. So erarbeitete ich einige Fragen und sandte diese mit der Bitte um Mithilfe an die Berufsschule für Friseure nach Nürnberg. Diese hatte in der Vergangenheit schon des öfteren mit Fachzeitungen korrespondiert, hier erhoffte ich Hilfe und Aufschluss.

Die Fragen verteilte Studiendirektor W.Streidl in 5 Friseurklassen an die Berufsschüler/innen. Die Antworten waren aufschlussreich, das was Schüler/innen zusätzlich auf die Blätter kritzelten noch mehr.

- 'Leider gibt es zu viele Ausbildungsbetriebe die einfach nur eine billige Putzkraft suchen.'

- 'Ich war länger krank, mit gelben Schein. Trotzdem hat mit meine Chefin für die Zeit Urlaub abgezogen.'

Solche und ähnliche Zitate finden sich auf etlichen der mir zurückgesandten Fragebögen. Auch: 'Mein Chef ist ein Schmierfink.' - Was auch immer damit gemeint sein mag.

Über schlechte Bezahlung klagen verständlicherweise Alle. Es wird bemängelt das Trinkgelder vom Arbeitgeber zum Lohn hinzugerechnet werden, nach dem Motto : 'Ihr verdient doch gut.'

60 % der Befragten geben an das Trinkgeld nicht sparen zu können, mit anderen Worten : Es ist für sie wirtschaftlich notwendig. Nach 3 Jahren Ausbildung und bestandenerer Gesellenprüfung erhält eine junge Friseurin 1.330,- € Monatslohn, ein Straßenkehrer erhält ab ersten Tag seiner Tätigkeit, Ausbildung nicht erforderlich monatlich € 1.750,- plus Zulagen. ( beide Tarife NRW, Quelle: ÖTV)

Frau Gerda Kanzleiter (ÖTV), Vorsitzende der zuständigen Tarifkommission: 'Ein Vergleich der Löhne weist tatsächlich solche und zum Teil noch größere Differenzen auf. Traditionell sind männliche Produktionsberufe meist höher bewertet als weibliche Dienstleistungen.'

Zentralverband des Friseurhandwerks: 'Die geschilderte Problematik ist bekannt. Bei den Tariflöhnen handelt es sich allerdings um eine Mindestbasis, von der nicht in verschlechternder Weise abgewichen werden darf. Es existieren erfreulicher Weise viele Beispiele übertariflicher Vergütung.'

Auf die Frage:

- 'Müssen Sie oft Überstunden machen?', antworteten:
fast immer: 6% - oft: 27%

- 'Müssen Sie nach Feierabend Trainingsabende absolvieren ?'
Ja, regelmäßig 76 %

- 'Werden Ihnen diese Zeitaufwendungen finanziell oder zeitlich vergütet?'
Nein 72%

Zentralverband: 'Eine hohe Zahl unbezahlter Überstunden kann der Zentralverband nicht bestätigen. Das veränderte Verbraucherverhalten macht allerdings flexiblere Arbeitszeiten erforderlich. Mit der Arbeitszeitkontenregelung weist der MTV hierfür ein optimales Instrument auf.'

Da davon auszugehen ist, dass längst nicht alle Auszubildenden volljährig sind, liegen hier mit Sicherheit Verstöße gegen gültige Tarifverträge und dem Jugendarbeitsschutzgesetz vor.

Jugendarbeitsschutzgesetz Dritter Abschnitt: 'Jugendliche dürfen nicht mehr als 8 Stunden täglich / 40 Std wöchentlich beschäftigt werden. Zwischen zwei Ausbildungstagen muss eine ununterbrochene Pause von 12 Stunden liegen.'

- Manteltarifvertrag Nr 4, § 7: 'Mehr-, Nacht-, und Feiertagsarbeit' besagt, das Mehrarbeit ( bei nicht volljährigen Azubis verboten! ) in Freizeit oder Lohn auszugleichen ist. Hinzu kommen Zuschläge die bei 5 Stunden Mehrarbeit/ Woche 30% , bei über 5 Stunden Mehrarbeit 50% betragen.


Pausen? Mittagessen? Für den Großteil der Friseure ein Fremdwort. Das nicht wenige dieser Branche durch Zeitmangel beim Essen wirklich krank sind, belegt eine Diplomarbeit von Frau Susanne Höltzl, die das Essverhalten im Friseurhandwerk studierte. Dies beschreibt sie in ihrem Bericht dem eine Befragung von 125 Düsseldorfer Friseurinnen vorausging. Der überwiegende Teil der Befragten gab an unregelmäßig oder nebenbei zu essen. Lediglich 30% der Gefragten gaben an ihre Malzeit in Ruhe einnehmen zu können. Im Tarifvertrag steht auch etwas über Pausen, aber Theorie und Praxis sind oftmals zweierlei.

Zentralverband: 'Die Pausenzeiten müssen auf betrieblicher Ebene geregelt werden. Zum einen brauchen Mitarbeiter ausreichend Zeit um regenerieren zu können, zum anderen will kein Kunde seine Haarbehandlung von einer Mittagspause unterbrochen wissen.'

ÖTV, Frau Gerda Kanzleiter: 'Die Studie ( IKK ) ist bekannt. Die gesundheitsschädliche Wirkung von zu kurzen Pausen ist nachweisbar. Die Berufsgenossenschaften sind hierbei die Instanzen die gehalten sind, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Richtlinien zum Arbeitsschutz zu übertragen.'

Andere Vereinbarungen des Tarifvertrages finden in der Praxis so gut wie keine Anwendung. Vielfach müssen die Auszubildenden die Kosten für das notwendige Handwerkszeug selber von ihrem kargen Lohn bestreiten.

- Manteltarifvertrag:§5 (1) 'Der Arbeitgeber hat das zur Bedienung des Kunden benötigte Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen.'
Die Kostenregelung für betrieblich einheitliche Kleidung, wie sie gerade in größeren Berieben verlangt wird, ist nur vom Text her bekannt.

- Manteltarifvertrag:§5 (2) 'Berufskleidung die den Schriftzug des Salons stellt, wird kostenlos gestellt. Sofern der Arbeitgeber Form oder Farbe der Salonkleidung vorschreibt, wird dem Arbeitnehmer eine monatliche Pauschale gezahlt.'

Auf die Frage ob die Tarifverträge den Auszubildenden zugänglich sind antworteten 92% mit Nein. Das gibt zu denken.

ÖTV, Frau Gerda Kanzleiter: 'Leider ist das vorhandene arbeitsrechtliche Wissen sehr mangelhaft. Oft ist nicht bekannt das der Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet ist den gültigen Tarifvertrag auszulegen. Die Pflicht die vorgeschrieben Gesetzestexte zugänglich zu machen und verlängerte Arbeitszeiten zu dokumentieren wird ständig ungestraft ignoriert, dies nicht nur von kleineren Betrieben.'

Es scheint also nicht nur in meiner Stadt sondern auch wo anders so einiges im Argen zu liegen, Branchenweit. Nein, Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Trotzdem sollte sich niemand über bestehende Tarifverträge zum Nachteil der Auszubildenden hinwegzusetzen. Demütigungen und sexuelle Belästigung sollten ohnehin Tabu sein.

Fakt ist:

Die Jugend von Heute ist sehr offen. Früher wurden solche Themen aus Scham totgeschwiegen, heute wird darüber geredet. Negatives spricht sich schnell herum. Dies gilt nicht nur für Belästigungen oder dergleichen sondern auch für schlechte Arbeitsbedingungen und geringem Lohn für harte Arbeit und führt schnell zu einem negativen Image des Berufsbildes bei den jungen Menschen.

Es kann nicht genügend an alle Ausbildungsbetriebe appelliert werden die Aufgabe der Ausbildung und den Umgang mit jungen Menschen konstruktiv und motivierend zu gestalten. Nur so kann langfristig das Image der Branche verbessert werden – und die Branche, das ist mein Salon, genau wie Ihrer.

Nach den vorliegenden Fakten nicht mehr verwunderlich:

- 37% der befragten Auszubildenden werden nicht weiter im gelernten Beruf arbeiten. 'Lieber werde ich Totengräber', steht auf einem Fragebogen...

Rene Krombholz 1999









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Hans

der umfangreiche Beitrag von Herrn Krombholz beleuchtet transparent einige wesentlichen Aspekte woran unser Friseurhandwerk schon viele Jahrzehnte " krankt ".Einige Gesichtspunkte kompakt nochmals aufgelistet : 1. Problemstellung Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter, wenn möglich mit mittlerem Schulabschluss ? Der Königsweg kann doch wohl nur sein das Image des Friseurberufes auf das Niveau zu heben, das einem Gesundheitsberuf entspricht. Hierzu müsste zwingend seitens der künftigen Ausbilder im Friseurhandwerk ein Auswahlverfahren treten....Was nutzt ein mittlerer Bildungsabschluss, wenn der/ die / künftige Auszubildende zwei linke Hände hat und vom Charakter her introvertiert ist, nichts ! Bereits in dieser Phase des Auswahlverfahrens stellen wir als Ausbilder / Unternehmer die Weichen für den fundierten Erfolg unseres Unternehmens. Wer als Friseurunternehmer (jeder 3. Friseursalon ist ein Kleinunternehmer mit weniger als 17.500 €) nicht mal fähig ist "qualifizierten" Mitarbeiter/ innen " einen Gesellenlohn von 1330.00 € zu zahlen ist als " Unternehmer " am Markt fehl am Platze. 2. Problemstellung KEINE geregelten Pausen... Es sollte doch organisatorisch (z.B.Terminplanung) möglich sein dies angemessen zu regeln. 3. Problemstellung Arbeitskleidung (einheitlich) sollte doch selbstverständlich sein. In Arztpraxen z.B. sind die Mitarbeiter/innen doch auch angemessen und einheitlich gekleidet. 4.Problemstellung eigenes Handwerkszeug lt.Manteltarifvertrag § 5 (1) ist eine grobe Fehlentwicklung. In vielen "Handwerksberufen" sind die Mitarbeiter sehr stolz auf IHR eigenes, selbst finanziertes Handwerkszeug! 4. Problemstellung Fortbildungen im Anschluss an den normalen Arbeitstag, von zum Teil mehr als 8 Stunden, sind nutzlos und alleine schon pädagogisch ein no go. Fortbildungen sind zwingend aus dem normalen Arbeitsalltag auszulagern, was ja von erfolgreichen Friseurunternehmern schon lange erfolgreich praktiziert wird. Wer als " Friseurunternehmer" ein kontinuierliches angemessenes Einkommen für sich und seine Mitarbeiter erzielen will muss aber auch dann stetig als Unternehmer und NICHT als Kleinunternehmer handeln !! Wer an der grundlegenden Neuausrichtung des Friseurberufs, auch in der Ausbildung, mitwirken will kann sich gerne mit uns in Verbindung setzen. Friseur progressiv Hans Christoph Friseurmeister gepr. Pharmareferent ( Akademie) Kreuthfeldstraße 18 D-91608 Geslau / Mittelfr. Telefon 09867-978181 oder 978192

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