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Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9873
Letzte Aktualisierung: 14.12.2017

Blond, dumm – oder Friseurin?

Blondes Dummchen auf dem Beifahrersitz oder anerkannte Fachkraft ?


Arbeitskraft zum Hungerlohn oder anspruchsvolle Tätigkeit für entsprechendes Entgelt ?

In kaum einem anderen Beruf liegen Erfolg und Misserfolg, so nah nebeneinander, sind die Unterschiede in Klischeevorstellungen, eigenem Anspruch und Leistungsvermögen so gravierend wie bei den Friseuren

LINDA

Ein Friseursalon irgendwo in Deutschland: es ist Mittwochnachmittag gegen 15 Uhr: Die Tür geht auf, Frau Mayer, die jetzt einen Termin hat, kommt abgespannt und müde herein. Linda, Haarkünstlerin im dritten Gesellenjahr, legt die Illustrierte mit dem Artikel über Discotheken auf Ibiza beiseite.

„Ja dann nehmen Sie mal Platz, Frau Mayer“, begrüßt sie Ihre Kundin. „Schneiden heute? So wie immer?“ Augenblicke später, Frau Mayer erlebt gerade die Rubbel-Schnellwäsche, schellt das Telefon. Azubi Tina unterbricht ihre Putzarbeit und meldet ein Gespräch für Linda. „Einen Moment, ich bin gleich wieder zurück“, sagt diese, unterbricht die Haar­wäsche und geht zum Telefon.

Frau Müller ist am Apparat und fragt, ob sie so gegen halb sechs noch einen Termin zum Föhnen bekommen kann, sie habe noch eine Verabredung am Abend. „Nein, beim besten Willen nicht, da kommt Frau Schröder. Vielleicht ein anderes Mal“, vertröstet Linda. „Nein, was die Leute sich so denken!“, murmelt sie, als sie zu Frau Mayer zurückgeht. „Soll ich etwa für die paar Euro Hungerlohn auch noch Über­stunden machen? Der Chef war heute Morgen auch so komisch, fängt er doch glatt an zu meckern, weil ich mich nach Arbeitsbeginn schminke. Dabei will er doch, dass wir für die Kunden gut aussehen. Ich muss mich doch wohl nicht zu Hause schminken, die Kunden können doch ein paar Minuten warten!“

Frau Mayer – inzwischen mit steifem Nacken vom langen Liegen im Rückwärtswaschbecken wird weiter behandelt, Linda erzählt von den Discotheken auf Ibiza und von ihrem eigenen Discobesuch am Samstagabend.

„Meine grauen Haare“, seufzt Frau May­er, „gibt es da nicht jetzt ein neues Mittel? Irgendwo habe ich so etwas gelesen!“ „Ach die paar Grauen, die stören doch gar nicht!“, entgegnet Linda und erzählt weiter von ihrem bevorstehenden Urlaub.

Gegen 16 Uhr ist diese Kundin fertig, sie bezahlt und verlässt den Salon. Die nächste Kundin ist erst für 17.30 Uhr angesagt. 90 Minuten Zeit, um weiter in Illustrierten zu schmökern und sich auf den Feierabend vorzubereiten.

Es ist 5 Minuten nach 17 Uhr, als wieder jemand den Salon betritt. Diesmal ist es ein männliches Geschöpf, das die Haare geschnitten haben möchte, einfach so, ohne sich vorher angemeldet zu haben. „Für wann hatten Sie denn Ihren Termin???“, fragt Linda mehr als deutlich, um die­sem Kunden sein Fehlverhalten klar zu machen. „Ach, Sie hatten gar keinen Termin? Ja, dann müssen wir uns etwas beeilen. Gleich habe ich schließlich meine nächste Kundin! Nehmen Sie Platz! Wie soll es denn geschnitten werden?“

„Meine Haare habe ich heute Morgen schon gewaschen, aber es muss vernünftig aussehen, weil ich in den nächsten Tagen einige geschäftliche Verabredungen habe“, erwidert der verunsicherte Kunde. „Dann wollen wir mal!“, meint Linda, greift zur Schere und legt los  „Wenigstens nur Trockenschnitt, da kann ich ja nachher noch eine rauchen!“

Kurz vor halb sechs ist sie mit ihrem Trockenhaarschnitt fertig, der Kunde bezahlt und verlässt den Salon, als im gleichen Augenblick Frau Schröder hereinkommt. „Nee, nicht diesen Platz, Frau Schröder. Hier hat Tina schon geputzt, ist doch gleich Schluss! Föhnen? So wie immer?« Linda setzt zum Endspurt an, damit sie pünktlich Feierabend hat.

Beispiel Linda als Ergebnis:

Kunde/Kundin

Dienstleistung

Umsatz

Trinkgeld

Frau Mayer

Schnitt & Frisur

36,00 €

2,00 €

Herrenkunde

Trockenhaarschnitt

12,00 €

0,50 €

Frau Schröder

Fönfrisur

16,00 €

1,00 €

   

65,00 €

3,50 €

Linda arbeitet zum Tariflohn NRW und erhält monatlich 1.471,- € brutto weil sie mehr als 3 Jahre ausgelernt im Beruf ist. Den wirtschaftlich notwendigen Sollumsatz von rund 5.000 € erreicht sie selten und hatte deshalb schon mehrere Chefgespräche. Zusätzlich hat sie ein geschätztes Trinkgeld von rund 200,- € pro Monat

Einkommen pro Monat

1.671,- €

HELGA
Ein Friseursalon irgendwo in Deutschland, es ist Mittwoch Nachmittags gegen 15 Uhr: Die Tür geht auf, Frau Mayer, die jetzt einen Termin hat, kommt abgespannt und müde herein. Helga, Haarkünstlerin im dritten Gesellenjahr, legt die Fachzeitung mit dem Artikel über Colorationen beiseite. „Na, Sie sehen aber abgespannt aus heute“, begrüßt Helga ihre Kundin. „Kommen Sie, Tina bringt Ihnen eine Tasse Kaffee, und dann bekommen Sie eine schöne Haarwäsche zum Entspannen“.

Augenblicke später, Frau Mayer genießt gerade ihre Verwöhnhaarwä­sche, da schellt das Telefon. Azubi Tina unterbricht die Arbeit am Übungskopf und meldet ein Gespräch für Helga. „Soll einen Moment warten, oder ich rufe zurück“, gibt diese leise zu verstehen.

Helga ist mit dem Shampoonieren fertig und geht nun zum Telefon. Frau Müller ist am Apparat und fragt, ob sie so gegen halb sechs noch einen Termin zum Föhnen bekommen kann, sie habe noch eine Verabredung am Abend.

„Halb sechs ist schlecht, seien Sie doch bitte 10 Minuten früher da! Ich freue mich, bis gleich!“, schließt Helga. „Das läuft ja wie geschmiert!“, murmelt sie. „Da komme ich bestimmt wieder gut über meinen Soll­umsatz, das gibt wieder eine dicke Provision. Der Chef war heute Morgen schon so gut drauf, nur weil ich pünktlich im Geschäft war und mich vorher hübsch gestylt hatte.“ Frau Mayer wird weiter behandelt, Helga unterhält sich mit ihr über Colorationen.

„Schauen Sie mal meine grauen Haare“, sagt Frau Mayer, „gibt es da nicht jetzt ein neues Mittel? Irgendwo habe ich so etwas gelesen.“ „So ein Mittel führen wir auch, ich zeige Ihnen mal, was für Sie in Frage kommt.“ Frau Mayer lässt sich gerne beraten und entschließt sich, eine Tönung auszuprobieren. Gegen 16.30 Uhr ist diese Kundin fertig, sie bezahlt und verlässt den Salon. Die nächste Kundin ist erst für 17 Uhr dreißig angesagt. Eine Stunde Zeit. Helga nutzt sie für eine Zigarettenpause und um die fällige Produktbestellung vorzubereiten. Es ist fünf Minuten nach 17 Uhr, als wieder jemand den Salon betritt.

Diesmal ist es ein männliches Geschöpf, das die Haare geschnitten haben möchte; einfach so, ohne sich vorher angemeldet zu haben. In 15 Minuten kommt Frau Müller, bedenkt Helga. „Das passt gut“, sagt sie, „ich habe gerade hoch ein bisschen Zeit. Was kann ich denn für Sie tun?“. „Meine Haare habe ich heute Morgen schon gewaschen, aber es muss vernünftig aussehen, weil ich in den nächsten Tagen einige geschäftliche Verabredungen habe!“, antwortet der Kunde. „Gut“, entgegnet Helga, „dann brauche ich Ihre Haare nicht zu waschen. Trotzdem möchte ich Ihnen die Haare gerne nass schneiden, dann sitzt Ihre Frisur hinterher besser und ist pflegeleichter für Sie. Stattdessen machen wir eine Kopfmassage.“

Pünktlich um 20 Minuten nach 17 Uhr betritt Frau Müller den Salon und wird, wie vorher verabredet, von Tina begrüßt und versorgt. Kaffee, Haarwäsche, eine Kur, die Behandlung beginnt.

17 Uhr 30, Helga ist mit ihrem Männerschnitt fertig, der Kunde bezahlt und verlässt den Salon, als im gleichen Augenblick Frau Schröder hereinkommt. „Nein, nicht diesen Platz, Frau Schröder. Der ist noch nicht geräumt! Kommen Sie, hier nebenan ist es sauber. Wie soll ich denn Ihre Haar föhnen? So wie vergangene Woche oder wieder lockig?“

5 Minuten vor 18 Uhr, gleich ist Feierabend. Frau Schröder bezahlt und geht. Bei Frau Müller hat Tina inzwischen die Kur ausgespült und das Haar leicht angetrocknet. Helga übernimmt die Behandlung und ist 10 Minuten nach 18 Uhr damit fertig. Frau Müller ist begeistert, freut sich ihre Verabredung am Abend und gibt großzügig ein höheres Trinkgeld.

Beispiel Helga als Ergebnis:

Kunde/Kundin

Dienstleistung

Umsatz

Trinkgeld

Frau Mayer

Schnitt & Frisur / Tönung

54,00 €

4,00 €

Herrenkunde

Nass Formhaarschnitt

23,00 €

2,00 €

Frau Schröder

Fönfrisur

16,00 €

1,00 €

Frau Müller

Fönfrisur & Haarkur

20,00 €

3,00 €

   

113,00 €

10,00 €

Linda arbeitet zum Tariflohn NRW und erhält monatlich 1.471,- € brutto weil sie mehr als 3 Jahre ausgelernt im Beruf ist. Den wirtschaftlich notwendigen Sollumsatz von rund 5.000 € erreicht sie seit Jahren und bekommt daher Umsatzprovision..(Im Durchschnitt 240 € / Monat) Zusätzlich hat sie ein geschätztes Trinkgeld von rund 380,- € pro Monat

Einkommen pro Monat

2.091,- €

Der kleine aber feine Unterschied....

führt zum Erfolg oder eben auch nicht. Traurig aber wahr: dieser Artikel wurde von mir im Sommer1998 für das Fachmagazin CLIPS geschrieben und wurde damals rege diskutiert. Von seiner Aktualität hat er nichts eingebüßt - im Gegenteil!

Leider gibt es noch eine Vielzahl "Lindas" in unseren Salons - ob sie vielleicht sogar in der Mehrheit sind, ich weis es nicht.

Aber ich wage zu behaupten das nur eine Minderheit von Friseuren/innen in der Lage ist mit professioneller Arbeit und Beratung einen 8 Stundentag durchzustehen wie es eigentlich wirtschaftlich Tag für Tag sein müsste.

Nicht umsonst stellt Unternehmensberater Goebel die provokante Frage: "Müssen Friseurinnen ihr Verhalten ändern? " ( lesen Sie hier)
Übrigens: ich beantworte diese Frage mit: DRINGENST!

Rene Krombholz - Friseurmeister und Fachhautor

 

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