Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9873 Letzte Aktualisierung: 23.09.2022

FRISEURPREISE und die Diskussion darüber

Die ewige Preisdiskussion im Friseurhandwerk: wer trägt hier (welche) Verantwortung ?


Die aktuellen Branchenkennzahlen für das erste Coronajahr wurden Anfang Mai bei der Pressekonferenz zur TOP HAIR Messe 2022 in Düsseldorf bekanntgegeben.  

Für den Zeitraum 2020 – 2021 melden die umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen folgende Ergebnisse:

Umsatzrückgang von  7,03 Mrd. auf 6,25 Mrd. = -5,6%  
Der bisher geschätzte Umsatz für 2021 liegt bei 5,9 Mrd. - was einen Umsatzrückgang 2020 bis 2022 von 1,13 Mrd. bedeutet.      
Die Zahl der Beschäftigten sank um 9,7%                   
Die Preise stiegen +4,1% (bei einer aktuellen Inflationsrate von 7,4% im April 2022).

Wirtschaftlich ist das mehr als bedenklich, es bedeutet nichts anderes, als dass der Friseurunternehmer immer weniger Einkommen zur Verfügung hat. 
Dabei steht die Branche wirtschaftlich vor schweren Herausforderungen:

Die Umsatzverluste aus den Lockdowns, Monate ohne Einkommen, müssen ausgeglichen werden
Rückzahlungen: erhaltene Soforthilfe muss ganz oder teilweise zurückzahlt werden
Die Energiekosten (Heizung, Licht, Geräte, Warmwasser) steigen rasant 
Die Inflationsrate liegt bei durchschnittlich 7 % und muss aufgefangen werden 
Waren und Material verteuern sich durch Probleme bei Rohstoffen und Lieferketten (ca 10%) 
Der Mindestlohn steigt auf 12,50 € - eine krasse Steigerung der Lohnkosten, 
Der Mitarbeitermangel wird in den nächsten Jahren für viele Betriebe zu einem Horrorszenario werden und die Unternehmen werden deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen.

Auf ganzer Linie kann man sagen, dass im Dienstleistungsbereich eine Entwicklung in Richtung „Schweizer Verhältnisse“ absehbar ist. Die kommende Preisentwicklung wird sich zweistellig nach oben bewegen müssen. Verbraucher werden sich verwundert die Augen reiben und so einige werden uns ganz sicher als Preistreiber sehen. 

Dabei hinkt das Preisniveau seit Jahren der wirtschaftlichen Entwicklung (auch im Vergleich zu anderen Branchen) deutlich hinterher. Nach aktuellen Erhebungen sind 32% der Friseurbetriebe als Kleinstunternehmen steuerbefreit und können die Ersparnis von 19% als Preisvorteil weitergeben. 
Die Zahl der Friseurbetriebe ist deutlich zu hoch – die jüngst bundesweit erfolgten Razzien der Finanzkontrolle Schwarzarbeit zeigte mit einer Erfolgsquote von 75% die dunkle Seite dieser Branche.

Müsste man die Kunden nicht besser aufzuklären, auf das, was da passiert und demnächst kommen wird? fragte ich mich in der letzten Zeit sehr oft. Eine Frage die auch in den sozialen Medien intensiv diskutiert wird, verbunden mit der Frage nach Zuständigkeiten und Verantwortung. 
Wer hat Schuld an diesem Schlamassel? Wer ist verantwortlich für die Preisentwicklung? Wer erklärt meinen Kunden warum der Haarschnitt ein paar Häuser weiter nur 12,- € kostet? 

Gedanken, die ich dieses Jahr mit zur TOP HAIR Messe nahm. Dort unterhielt ich mich mit etlichen Experten und Branchenkennern aus dem Friseurhandwerk. 
Und wie das so ist, wenn ein Meinungsaustausch stattfindet, man lernt dazu und andere Ansichten kennen. 

 

Verbände und Organisationen 
sind nicht für die Preise in ihrer Branche verantwortlich. Sie sind zur Neutralität verpflichtet, weil sie Unternehmen jeglicher Couleur von der Billigbude bis zum Top Salon vertreten.  

Etwas anderes ist es, für einen fairen Wettbewerb zu sorgen, Rahmenbedingen zu schaffen und zu hinterfragen, wie so manche Tiefstpreise entstehen. Damit wären wir bei den Themen Schwarzgeld / Schwarzarbeit und Kleinstunternehmen. 
Hier setzen sich die Innungen, aber auch der Zentralverband seit Jahren vehement und intensiv ein. Seit 2016 besteht bereits das Bündnis zwischen Zentralverband, der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) gegen Schwarzarbeit.

Wenn hier noch einiges im Argen liegt, so liegt es auch an Kollegen:innen, die liebend gerne ihren Meisterbrief geldbringend an schwarze Schafe vermieten und damit die Handlungen der Kontrollorgane unterlaufen und deren Arbeit zunichtemachen. Immer wieder erstaunlich ist auch das Verhalten der Friseure, selbst wenn massive Gesetzesüberschreitungen bekannt werden, lauten die Kommentare: lasst sie doch – kehrt vor der eigenen Tür. Wer dagegen spricht wird als Denunziant bezeichnet. 

Einige Änderungen, die dem Friseurhandwerk nutzen könnten, sind zu dem politisch nicht gewollt oder durch das EU Recht nicht umsetzbar. Hierzu gehört die Umsatzgrenze bei den Kleinstunternehmen.

Die Fachmedien 
können hier nur unterstützend wirken und aufklären das tun sie auch.

Die Verbraucher Presse
braucht Schlagzeilen um Leser und Zugriffszahlen zu erreichen. Themen über Probleme im Friseurhandwerk, die zur Verbraucher Aufklärung beitragen könnten, sind durchweg für Medien uninteressant. Es müssen Schlagzeilen sein, so wie in der Bild-Zeitung die aktuell fragt, ob ein Männer Haarschnitt demnächst 100 € kosten wird. 

Hier hat der Zentralverband / Jörg Müller gute Statements geliefert und wohlweislich die Frage, wie hoch denn die Preise noch steigen würden, unbeantwortet gelassen. Gut gemacht! Das wird von den Verbrauchen natürlich nicht gerne gehört - aber es sorgt für Diskussionen und ermöglicht damit Gespräche und Aufklärung im Salon. Hier ist Unternehmertum gefragt – clevere Chefs nehmen sogar ihre Mitarbeiter mit ins Boot!

Kunden 
interessiert vorrangig eins: der Preis den sie für eine Dienstleistung bezahlen müssen. 
Die Art und Qualität der Dienstleistung bestimmt letztlich auch den Preis, wobei ein Trend zum Höherwertigen erkennbar ist, aber selbstverständlich nur einen Teil der potentiellen Kundschaft erfasst.

FAZIT

Im Friseurhandwerk finden wir die unterschiedlichsten Konzepte und Qualitäten. 
Wir sehen den Top Salon mit tollem Ambiente und hervorragend geschulten Mitarbeitern, aber auch Salons, die kaputt gespart wurden, für die Weiterbildung ein Fremdwort ist.
Aber jedes dieser Angebote findet seine Kundschaft. 

Von den Entwicklungen im Markt sind aktuell alle Unternehmen betroffen. 
Somit werden die Anbieter im niedrigen Preissegment ihre Preise prozentual deutlicher erhöhen müssen.
Es ist allerdings fraglich ob es ihnen möglich sein wird, ihre Leistung, für einen deutlich höheren Preis an den Mann/die Frau zu bringen. 

Nicht die höheren Preise, sehr wohl aber der Mitarbeitermangel und ein unausgewogenes Preis-Leistungsverhältnis (zu wenig Qualität) werden für nicht wenige Friseurunternehmen zur Todesfalle werden. 
Es gibt Schätzungen wonach in den nächsten Jahren 30-50 % der Friseurbetriebe auf der Strecke bleiben könnten. 

Dass wird zur Folge haben, dass die übrig gebliebenen Salons wieder eine bessere Auslastung bekommen. Image und Wert werden steigen und eine Marktentwicklung ermöglichen, die im derzeitigen Verdrängungswettbewerb nicht möglich ist. Der Markt wird es richten – der Verbraucher entscheidet!

Man kann derzeit nur einen gut guten Ratschlag geben und der kommt von Stephan Conzen, Geschäftsführer Glynt

„Ich glaube es wird eine Renaissance der Qualität geben und jedes Friseurgeschäft, das sich auf die Qualität konzentriert und die Qualität der handwerklichen Dienstleistung in den Mittelpunkt stellt, wird eine gute Zukunft haben.“

Die Preise müssen hoch – es geht nicht anders. 
Die Qualität anzupassen, das daraus ein stimmiges Preis-Leistungsverhältnis wird, das Angebot modifizieren damit es Kunden anspricht, mit Salon und Team zu einer Marke zu werden, das ist jetzt gefordert und wird überlebenswichtig. 
Wer dafür verantwortlich ist? Jede/r Unternehmer/in selbst! 

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