Kein Geld für den Friseurbesuch?
Diese Aussage hört man inzwischen so oft, dass sie fast schon wie ein Naturgesetz klingt. Das Friseurhandwerk – einst ein stabiler, sozialer Anker in unseren Städten – kämpft heute ums Überleben. Besonders im Ruhrgebiet, wo Barbershops seit Jahren das Straßenbild dominieren und traditionelle Salons reihenweise schließen. Die Begründung der Kunden klingt immer gleich: „Wir können uns das nicht mehr leisten.“ Und viele Friseure glauben das. Vielleicht zu sehr.
Widerspruch
Doch dann liest man Nachrichten wie die über den Sparkassenraub in Gelsenkirchen‑Buer. Ein Stadtteil mit gerade einmal 32.634 Einwohnern, geprägt von Menschen mit durchschnittlichem oder sogar unterdurchschnittlichem Einkommen. Und trotzdem lagerten allein in einer einzigen Sparkassenfiliale rund 30 Millionen Euro in Schließfächern. 3.000 Wertfächer – prall gefüllt. Ein Querschnitt der Bevölkerung, keine Randgruppe, keine Ausnahme. Deutsche wie Migranten, Arbeiter wie Angestellte. Menschen, die angeblich kein Geld für einen Haarschnitt haben, aber offensichtlich genug, um beträchtliche Summen in Metallboxen zu verstauen.
Und ja – sogar das Fernsehen liefert uns Woche für Woche den Beweis.
Bei Shopping Queen wird für Outfits, Taschen, Schuhe, Accessoires und Make-up fröhlich eingekauft, gefeilscht, gefeiert. Nur der Friseur? Der kommt immer zuletzt. Er bekommt das Restbudget – wenn überhaupt. Nicht selten schneiden sich die Kandidatinnen sogar selbst die Haare, weil „dafür jetzt wirklich kein Geld mehr übrig ist“. Das ist kein TV-Gag, das ist ein Spiegel unserer Realität. Für Mode, Lifestyle und Konsum findet sich immer ein Weg. Für den Friseur dagegen wird gefeilscht, gedrückt, gehandelt. Und das Tragische: Wir Friseure machen oft mit. Aus Liebe zum Menschen, aus Angst vor Kundenverlust, aus dem Wunsch, es allen recht zu machen. Und genau dadurch zementieren wir ungewollt die Vorstellung, dass unser Handwerk verhandelbar sei – während andere Branchen selbstbewusst ihren Wert behaupten.
Da drängt sich eine unbequeme Frage auf:
Sind wir Friseure zu gutgläubig? Lassen wir uns von der Erzählung „Die Leute haben kein Geld“ einlullen, weil sie so schön in unser eigenes wirtschaftliches Drama passt? Oder machen wir uns gegenseitig etwas vor, weil es leichter ist, die Schuld bei Barbershops, Billigketten oder der Inflation zu suchen, statt die eigene Positionierung, Qualität und Preisstruktur kritisch zu hinterfragen?
Denn ja – viele Kunden haben ein knappes Budget.
Aber ebenso viele setzen Prioritäten. Für Reisen, Technik, Tattoos, Streaming, Glücksspiel, Beauty‑Behandlungen, Haustiere, Autos, Partys – und offenbar auch für Schließfächer. Die Frage ist also nicht, ob Menschen Geld haben. Die Frage ist, wofür sie es ausgeben wollen. Und warum der Friseurbesuch bei vielen nicht mehr dazugehört.
Vielleicht liegt es an der Qualität, die in Teilen des Handwerks sichtbar bröckelt – ein durchschnittlicher Gesellenprüfungs‑Notenschnitt von vier spricht eine deutliche Sprache. Vielleicht an der Art, wie wir unser Angebot präsentieren. Vielleicht daran, dass wir zu oft aus Liebe zum Menschen handeln und zu selten aus betriebswirtschaftlicher Klarheit. Vielleicht aber auch daran, dass wir uns selbst kleinreden, während andere Branchen selbstbewusst auftreten und ihren Wert kommunizieren.
Das wirtschaftliche Dilemma deutscher Friseursalons hat viele Ursachen.
Barbershops und knappe Budgets sind nur ein Teil davon. Der Rest liegt in Strukturen, Erwartungen, Selbstbild – und in der Frage, ob wir bereit sind, uns ehrlich zu machen.
Nachsatz:
Die Wertegemeinschaft Der faire Salon arbeitet genau an diesen Punkten – für Haltung, Qualität und ein selbstbewusstes Friseurhandwerk. Schaut mal rein….