Perücken, Toupets und goldene Zeiten – als Zweithaar zum großen Geschäft wurde
Friseur-Zeitreise: Es gab eine Zeit, da gehörten Perücken und Toupets zum normalen Salonalltag. Nicht als Nischenprodukt. Nicht nur aus medizinischen Gründen. Sondern als Mode.
Die 1960er- und 70er-Jahre waren die große Zeit der sogenannten Zweitfrisur.
Kunsthaar machte Zweithaar erschwinglicher
Mit neuen Kunstfasern wurden Perücken und Haarteile leichter verfügbar und für breitere Kundengruppen interessant. Frisuren konnten gewechselt werden, ohne das eigene Haar aufwendig umzuformen.
Für Salons entstand daraus ein Geschäft, das heute fast vergessen wirkt.
Unser historischer Beitrag berichtet von Tagen, an denen einzelne Betriebe zehn oder zwölf Perücken und mehrere Toupets verkauften. Lehrlinge – wie Auszubildende damals selbstverständlich genannt wurden – beschäftigten sich stundenlang mit dem Aufdrehen, Toupieren und Frisieren von Zweithaar.
Und das Geschäft endete nicht beim Verkauf
Kundinnen kamen regelmäßig zum Waschen und Legen und brachten zusätzlich ihre Perücke mit. Zweithaar bedeutete also nicht nur Produktverkauf, sondern Folgegeschäft.
Beratung. Anpassung. Pflege. Styling. Reparatur. Erneuerung.
Ein gutes Beispiel dafür, dass der Wert einer Leistung oft nicht in einem einzelnen Verkauf liegt, sondern in der langfristigen Kundenbeziehung.
Natürlich wurde trotzdem gejammert
Besonders schön – und typisch für den Ton des alten Friseur-News-Beitrags – ist der Rückblick auf die damalige Stimmung.
Aus heutiger Sicht waren es wirtschaftlich teilweise sehr gute Jahre. Trotzdem wurde auch damals über den Untergang des Friseurhandwerks gesprochen.
Perücken? Gefahr für den Salon.
Neue Schnitttechniken? Unnötiger neumodischer Quatsch.
Veränderte Kundenwünsche? Problematisch.
Kommt uns irgendwie bekannt vor.
Was aus dem Zweithaar-Geschäft wurde
Zweithaar verschwand nicht. Aber der Markt veränderte sich. Mode, Haarschnitte, Vertrieb und Spezialisierung verschoben das Geschäft. Heute ist Zweithaar besonders im medizinischen Bereich, bei Haarverlust, Haarverdichtung und individuellen Lösungen relevant.
Viele klassische Salons haben damit allerdings kaum noch Berührung.
Was können wir daraus lernen?
Ein Markt kann groß sein und trotzdem aus dem normalen Salonalltag verschwinden.
Das passiert nicht immer, weil Kunden kein Interesse mehr haben. Manchmal verändert sich der Vertrieb. Manchmal spezialisiert sich der Markt. Manchmal überlassen Friseure ein Thema anderen Anbietern.
Zweithaar zeigt deshalb sehr schön: Ein Geschäftsfeld bleibt nicht automatisch dort, wo es einmal entstanden ist. Wer es halten will, muss Kompetenz, Beratung und Angebot weiterentwickeln.
Friseur Zeitreise – Das Gedächtnis der Branche. Grundlage ist unser historischer Jahrhundert-Beitrag von 1999/2000.