Weihnachten 1969: Ein Heiligabend in der Friseurlehre

FRISEUR ZEITREISE · WEIHNACHTEN 1969

Heiligabend, 16.30 Uhr. Der Salon schließt, und ein Auszubildender muss noch 14 Kilometer nach Hause. Dieser Rückblick erzählt in der Ich-Perspektive vom Friseuralltag Ende der 1960er-Jahre: von vollen Wartestühlen, wunden Händen, Standesdünkel und einer Jugend, die ihre Haare anders tragen wollte.

Feierabend am Heiligen Abend

Es ist Heiligabend 1969. Acht Monate bin ich jetzt in der Friseurlehre. Eine Stelle zu finden war nicht schwer – Friseur wollte damals ohnehin kaum einer werden. Meine Freunde sind in die Fabrik gegangen. Sie verdienen sofort Geld, sparen auf ein Mofa und lachen über meine Ausbildung.

Ich bekomme 50 Mark im Monat. Für Süßigkeiten, Kino und die Monatskarte reicht es gerade so. Offiziell arbeiten wir 48 Stunden in der Woche. Im Dezember fühlte sich das oft nach sehr viel mehr an.

Und jetzt? Der letzte Bus ist weg. Vierzehn Kilometer zu Fuß nach Hause? Ein Taxi kann ich mir nicht leisten. Also halte ich den Daumen raus und hoffe, dass mich jemand mitnimmt. Das habe ich an langen Salonabenden schon öfter gemacht.

Dauerwellen, Wasserwellen und wunde Hände

Die Vorweihnachtszeit war hektisch. Wir fingen morgens um acht an. Eine Dauerwelle nach der anderen, dazu Wasserwellen und die Kundinnen, die regelmäßig nur zum Kämmen kamen. Von den Präparaten und der vielen Arbeit ist die Haut an meinen Händen aufgeplatzt.

Im Herrensalon waren von morgens bis abends alle fünf Wartestühle besetzt. Der Chef holte für die Feiertagswoche drei Friseurinnen dazu, die sonst nur am Wochenende arbeiteten. Maria und Theresia kämmten fast ununterbrochen. Pünktlich Feierabend um 18.30 Uhr? Schön wär’s.

Trotzdem war heute eine besondere Stimmung im Laden. Die Kundinnen erzählten vom Weihnachtsessen; Frau Obermayer hatte sogar einen Rehrücken gekauft. Das Trinkgeld war gut. Der Chef verabschiedete jeden mit Handschlag und bedankte sich für die Treue.

Wer als Kunde zählt – und wer nicht

Bei manchen klang sein Abschied noch feierlicher: „Auf Wiedersehen, Frau Doktor.“ Der Chef sagte, diese Leute brächten schließlich das Geld. Sie sollten zu uns kommen und nicht zu dem neuen Friseur im Kaufhaus. Essanelle hieß der wohl. Angeblich planten die sogar weitere Läden und wollten montags öffnen.

Mit anderen war er weniger freundlich. Ein arbeitsloser Kunde war seit vier Wochen ohne Stelle. Mein Chef fand, der Mann solle sich schämen. Dabei war er wenigstens freiwillig zum Friseur gekommen. Herr Grunewald dagegen hatte von seinem Arbeitgeber zu hören bekommen, er müsse vor Weihnachten noch die Haare schneiden lassen. Solche Urteile über Menschen gehörten damals offenbar ganz selbstverständlich zum Salonalltag.

Auch mir gegenüber konnte der Chef grob werden. Als meine damalige Freundin mich im Sommer am Salon abholte, schlug er mich und schimpfte über „Weibergeschichten“ während der Lehrzeit. Sein guter Ruf als Topfriseur schien ihm wichtiger zu sein als der Umgang mit einem Lehrling. Daran ist nichts nostalgisch.

Die Beatles passen nicht zum Salonchef

Meine Freunde wollen längere Haare, so wie die Beatles. Sie bitten nur darum, die Spitzen zu schneiden. Mein Chef nimmt die Schere – und kürzt alles. In einer Fachzeitung, die er im Aufenthaltsraum aufgehängt hat, wird die Beatlesfrisur als modische Torheit behandelt. Aus dem langhaarigen jungen Mann solle der Friseur lieber wieder einen „anerkennenswerten“ Kunden machen.

Meine Freunde kommen inzwischen kaum noch zu uns. Zu Hause streiten sie mit ihren Eltern über die Haare. Sie sagen, mit ihren eigenen Kindern würden sie später einmal anders umgehen.

Was von diesem Heiligabend bleibt

Da hält endlich ein Auto. Ich steige ein und fahre nach Hause. Es ist schließlich Weihnachten.

Früher war alles besser? Eher anders – und manches war deutlich schlechter. Der volle Salon, das gute Trinkgeld und die festliche Stimmung gehören zu dieser Erinnerung. Genauso gehören der harte Arbeitsalltag, die Behandlung von Lehrlingen und die Ablehnung neuer Wünsche dazu. Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück.

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