Ein ganz normaler Mittwoch

Ein Mittwoch im Salon

Es ist ein Mittwoch in den 70er Jahren. Ich stehe um 9.05 Uhr vor dem Salon. Eigentlich hätte ich längst da sein müssen. Aber der Bus hatte wieder Verspätung. Das Problem ist: Der fährt nur einmal in der Stunde. Wenn man ihn verpasst gibt es Ärger mit dem Chef – und den habe ich jetzt. Keine Mittagspause – ab an die Arbeit heißt es.

Seit drei Monaten bin ich jetzt in der Lehre. Der Salon gilt als der beste in unserer ostwestfälischen Kreisstadt. Deshalb nehme ich auch die halbstündige Busfahrt in Kauf. Zwölf Bedienungsplätze gibt es im Damensalon, als ich reinkomme, sind nur noch zwei Stühle frei. Dazu der kleine Herrensalon mit drei Plätzen. Es ist immer voll. Auf den Wartestühlen sitzen schon 5 Stammkunden, jeden Tag kommen sie zur Rasur. Meine Aufgabe ist es sie einzuseifen, den Bart weich zu reiben und zwischendurch das Rasiermesser zu schärfen.

Nach drei Monaten sind meine Möglichkeiten im Salon noch überschaubar. Haare wegfegen, Plätze aufräumen, Handtücher holen. Ansonsten soll ich neben dem Meister stehen und zugucken. „Schau genau hin, dann lernst du das schon“, heißt es. Ich schaue genau hin. Aber ehrlich gesagt: Oft verstehe ich nur die Hälfte. Schere, Kamm, Handstellung, Kopfhaltung – alles geht schnell. Nach einer Weile wird es mühsam. Die Gespräche der Kunden finde ich spannender.

Heinz Nixdorf ist bei uns Stammkunde. Er erzählt oft von seinen elektronischen Anlagen. Er sagt, dass in zwanzig Jahren in jedem Geschäft so etwas stehen wird. Mein Chef hält das für Unsinn. „Der ist schon so verkalkt, der glaubt seine Märchen selbst“, sagt er einmal. Wie man sich täuschen kann. Heute weiß jeder, was aus Nixdorf und seinen Kassensystemen geworden ist.

Auch über ein neues Möbelhaus wird geredet. Es heißt IKEA und soll Möbel zu Preisen verkaufen, die kaum einer glauben kann. Möbel, die man selbst aus Kartons nimmt und aufbaut. Die Kunden im Salon sind skeptisch. „Das sind doch Obstkisten“, sagt einer. Wir kennen Möbelhäuser anders: Schränke, Tische und Stühle, teuer und für viele eine Anschaffung fürs Leben. Dass dieses schwedische Möbelhaus einmal überall stehen würde, glaubt kaum jemand.

Nebenan sitzt ein junger Kunde. Seine Haare gehen über die Ohren. Das allein reicht schon für Diskussionen. In letzter Zeit kommen immer mehr junge Männer mit längeren Haaren. Beatles, Rolling Stones und diese ganze Musik, sagt mein Chef. Er hält das für eine Mode, die man verhindern muss – bevor die Friseure arbeitslos werden… meint er.

Der Kunde erzählt, dass ihn sein Chef von der Arbeit weggeschickt hat. So könne er nicht im Betrieb erscheinen. Jetzt sitzt er bei uns auf dem Stuhl. Der Geselle hat gerade angefangen zu schneiden, da liegt ein Ohr schon frei. Mein Chef schaut zufrieden zu. „Das treiben wir denen schon aus“, sagt er. Für ihn sind lange Haare bei Männern keine Frisur, sondern ein Angriff auf Ordnung und Anstand.

Irgendwann ist Mittag. Ich habe Hunger und denke an mein Butterbrot. Essen darf ich aber nicht. Stattdessen werde ich eine Etage höher geschickt. Geschirr der Familie spülen. Danach Schaufenster putzen. Dann noch den Bürgersteig fegen. Ordnung muss schließlich sein. Mit Friseurlehre hat das nicht viel zu tun, aber damals fragt keiner danach.

Nachmittags darf ich in den Damensalon. Drei Dauerwellen nebeneinander. Der Geruch ist schlimm: Dauerwelllösung, Ammoniak, Haarfarbe. Dann ruft die Chefin nach mir. Eine Kundin kommt gleich zum Färben, und ich soll schnell Wasserstoffperoxid besorgen. Dreißig prozentig, für den Salon. Heute wäre das undenkbar. Damals war es normal.

Monika, die mit mir zusammen angefangen hat, ist auch da. Sie war morgens schon im Damensalon. Danach hat sie für die Chefin Betten abgezogen und das Wohnzimmer geputzt. Ihre Hände sind wund und rissig. Den ganzen Tag waschen und auskämmen. Eine Tortur – Pflegeprodukte, wie man sie heute kennt, gibt es kaum. Kein Conditioner, kein Spray zum Entwirren. Viele Haare sind nach dem Waschen so verfilzt, dass man zehn oder fünfzehn Minuten braucht, um sie wieder durchzukämmen.

Beim Waschen stehen wir gebückt. Rückwärtswaschbecken gibt es noch nicht. Nach ein paar Stunden tut der Rücken weh. Aber das sagt man besser nicht zu laut.

In einer ruhigen Minute erzähle ich Monika von einem Kunden aus dem Herrensalon. Gut gekleidet, zum ersten Mal bei uns. Er wollte seine Haare waschen lassen. Wir haben uns alle angesehen. Ein Mann, der beim Friseur Haare waschen lassen will? Das galt damals als ungewöhnlich. Sofort kamen die üblichen Sprüche und Vorurteile. Männer waschen ihre Haare schließlich zu Hause, hieß es. Mein Chef wurde noch deutlicher. Er sprach über Homosexualität, als wäre sie etwas Verbotenes und Gefährliches. Das war die Atmosphäre damals. Viele Menschen redeten so. Der Paragraph 175 war noch da, und für viele war das genug, um sich in ihren Ansichten bestätigt zu fühlen.

Monika lacht darüber und erzählt von ihrem Freund. Der hatte bei ihr zu Hause übernachtet – sie in ihrem Zimmer, er im Wohnzimmer. „Dann müsste meine Mama ja auch ins Gefängnis“, sagt sie. Aber auch daran merkt man, wie prüde diese Zeit war. Unverheiratete Paare, die zusammen übernachten, waren ein Thema. Nicht nur für die Nachbarn – es war eine Straftat die verfolgt und bestraft wurde.

Am Nachmittag wird es ruhiger. Wir glätten und falten gebrauchte Dauerwellpapierchen, damit sie noch einmal verwendet werden können. Monika füllt Shampoo aus einem großen Kanister in kleine Flaschen. Zwei Mark kostet so eine Portion, wenn Kunden etwas Besonderes möchten.

Um 18 Uhr ist noch lange nicht Schluss. Bis 19.30 Uhr darf geöffnet sein, so das Ladenschlussgesetz. Wir räumen auf, fegen ein letztes Mal, verteilen frisch gewaschene Handtücher überall im Salon zum Trocknen. Dann ist Feierabend.

Ich öffne die Salontür und freu mich: draußen steht meine erste Freundin und will mich überraschen. Ich will sie gerade drücken und in den Arm nehmen, als mich die Ohrfeige meines Chefs von hinten an der Schläfe trifft. Dann die Schimpfkanonade die mir klipp und klar erklärt, das so etwas während der Lehrzeit ín seinem Unternehmen verboten ist. “was sollen denn die Kunden denken???”

So war das damals. Nicht alles war besser. Aber vieles war anders.

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