Rotbart Mond-Extra

Die Rasierklinge, die den Friseur herausforderte
Diese Anzeige zeigt nicht bloß Rasierklingen. Sie dokumentiert einen Wandel im Alltag der Männer und im Geschäftsmodell der Friseure. Aufgestapelte Schachteln der Marken Rotbart und Mond-Extra, ein Rasierhobel und die auffällige Klinge im Vordergrund: Roth-Büchner GmbH aus Berlin-Tempelhof verkauft die Idee der sicheren, bequemen Rasur zu Hause.
Die Anzeige lässt sich in die Mitte der 1930er Jahre einordnen. Vergleichbare Anzeigen von Roth-Büchner mit denselben Patentangaben und den Marken Rotbart/Mond-Extra sind für 1935 und 1936 belegt. Die Firma war ein wichtiger deutscher Hersteller von Rasierapparaten und Rasierklingen. Bereits in den 1920er Jahren gehörten Rotbart und Mond-Extra zu den bekannten Marken des Sicherheitsrasierers. Staatliche Museen zu Berlin

Das verringerte das Risiko tieferer Schnitte und machte die Selbstrasur für viel mehr Männer praktikabel. Die Klinge war austauschbar: War sie stumpf, wurde nicht das ganze Messer geschliffen, sondern nur die dünne Klinge ersetzt.
Genau darin lag die wirtschaftliche Kraft des Systems. Der Rasierapparat wurde einmal gekauft, die Klingen anschließend regelmäßig nachgekauft. Die vielen unterschiedlichen Schachteln in der Anzeige zeigen ein gestaffeltes Sortiment: Rotbart Luxuosa, Sonderklasse, Extra, Mond, Extra-Dünn und Be-Be. Es gab also nicht nur eine Klinge, sondern verschiedene Preis- und Qualitätsstufen.
In einer Anzeige von 1929 wurden Einzelklingen von 20 bis 60 Pfennig angeboten. Mitte der 1930er Jahre lagen günstigere Varianten bereits bei 5 oder 10 Reichspfennig, bessere Sorten bei 20 oder 25 Pfennig. Rasur wurde damit zum kalkulierbaren Alltagsverbrauch – ähnlich wie Seife, Zahnpasta oder Zigaretten. Historische Preisliste von 1929
Die aufgedruckten Patentnummern DRP 598672 und 609166 sollten Vertrauen schaffen. „DRP“ stand für Deutsches Reichspatent. Für den Käufer war die genaue technische Bedeutung weniger wichtig als die Botschaft: Diese Klinge war kein beliebiges Stück Stahl, sondern ein industriell entwickeltes und geschütztes Markenprodukt.
Für das Friseurhandwerk hatte diese Entwicklung zwei Seiten. Die klassische Rasur im Salon blieb ein Service, der Ruhe, heiße Tücher, Pinsel, Seifenschaum und die sichere Hand des Fachmanns bot. Gleichzeitig nahm der Sicherheitsrasierer dem Friseur einen Teil des regelmäßigen Geschäfts ab. Ein zeitgenössischer Bericht von 1931 bemerkte ausdrücklich, dass manche Männer, die sich sonst beim Friseur rasieren ließen, dies nun selbst mit „Rotbart“ oder „Mond-Extra“ erledigten. Vorwärts, 1931
Die Rasierklinge wurde so zum Symbol einer neuen Selbstständigkeit im Badezimmer. Der Mann musste nicht mehr täglich zum Barbier gehen, um geschniegelt und glatt rasiert aufzutreten. Er brauchte nur Wasser, Seife, Spiegel, Rasierhobel und eine neue Klinge.
Gerade deshalb ist die Anzeige für die Friseurgeschichte spannend: Sie erzählt nicht nur von Technik, sondern von Konkurrenz. Der Friseur verlor nicht einfach seine Kundschaft, aber seine Rolle veränderte sich. Mehr Gewicht bekamen Haarschnitt, Beratung, Pflege, Kopfmassage und besondere Rasurleistungen. Die einfache tägliche Rasur wanderte dagegen zunehmend vom Friseurstuhl ins eigene Bad.