Die versenkbare Brause

Als der Friseurwaschtisch modern wurde

Diese Anzeige zeigt einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zum modernen Friseursalon: den OLYMP-Waschtisch von Karl Herzog aus Stuttgart. Auf den ersten Blick wirkt das Möbelstück wie ein großer, massiver Tisch mit Waschbecken. Die kleine Beschriftung verrät jedoch, worum es eigentlich geht: „Patent-Senkbrause beim Ausspülen des Rasiernapfes“ und „Handbrause herausgezogen“.

Die Anzeige gehört sehr wahrscheinlich in die Zeit um 1927 oder kurz danach. In der Unternehmenschronik von OLYMP wird für 1927 das erste hygienische, funktionsgerechte Vorwärtswaschbecken sowie die Erfindung einer Mischbatterie mit versenkbarem Brauseschlauch genannt. Das Bild zeigt genau diese Idee in einer frühen, sehr anschaulichen Form. OLYMP Unternehmensgeschichte

Das Besondere war nicht nur fließendes Wasser, sondern die Organisation des Arbeitsplatzes. Der Friseur sollte nicht mehr mit umständlich bereitgestellten Schüsseln, Kannen oder losem Zubehör arbeiten müssen. Wasseranschluss, Armaturen, Becken und Brause wurden als funktionale Einheit geplant. Das war ein echtes Hygienethema: Rasiernapf, Rasierpinsel, Hände und Arbeitsfläche konnten direkt am Platz gereinigt werden.

Der Rasiernapf war ein wichtiges Arbeitsgerät. Darin wurde die Rasierseife mit dem Pinsel zu Schaum aufgeschlagen. Bei einer klassischen Nassrasur kam der Napf ständig mit Wasser, Seife und Pinsel in Kontakt. Das Ausspülen musste deshalb schnell gehen – vor allem, wenn der Barbier oder Friseur mehrere Herren nacheinander bediente. Die „Senkbrause“ konnte versenkt werden, wenn sie nicht gebraucht wurde; bei Bedarf wurde sie herausgezogen und als Handbrause verwendet. Das sparte Platz, hielt die Arbeitsfläche aufgeräumt und machte die Reinigung einfacher.

Heute erscheint das selbstverständlich. In den 1920er Jahren war es ein sichtbarer Fortschritt. Viele Friseurbetriebe wandelten sich damals von handwerklich einfachen Räumen zu technisch ausgestatteten Salons. Hygiene wurde zum Verkaufsargument. Bereits um die Jahrhundertwende warben Friseure mit „hygienisch-antiseptischen“ Salons und modernen Installationen; Haarwäsche und saubere Arbeitsabläufe wurden zunehmend als professionelle Leistung verstanden. Wien Museum zur Hygiene beim Friseur

Karl Herzog hatte die Entwicklung früh erkannt. Das Stuttgarter Unternehmen begann 1901 zunächst mit Rasiermesserbedarf und Friseureinrichtungen. Schon 1904 folgten komplette Saloneinrichtungen. In den 1920er Jahren kamen verstellbare Friseurstühle, Waschplätze und neue Armaturen hinzu. Der Salon sollte nicht nur repräsentativ aussehen, sondern den Arbeitsablauf verbessern: Wasser dort, wo es gebraucht wurde; Bewegungen möglichst kurz; die Arbeitsfläche sauber und übersichtlich.

Die Anzeige zeigt außerdem drei miteinander kombinierte Waschplätze. Das ist bemerkenswert: Sie verkauft kein Einzelteil, sondern ein System. Für einen Betrieb bedeutete das eine klare Entscheidung für Standardisierung. Gleiche Becken, gleiche Armaturen, gleiche Abläufe – und damit ein professionellerer Eindruck gegenüber der Kundschaft.
Der Name OLYMP war damals noch eng mit dem Gründer Carl Herzog verbunden. Später wurde die Marke weltweit für Friseureinrichtungen bekannt. Die versenkbare Brause ist deshalb mehr als ein kleines technisches Detail. Sie steht für eine Zeit, in der der Friseursalon begann, sich als moderner Dienstleistungsbetrieb zu verstehen: hygienisch, effizient und technisch durchdacht.


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