120 Jahre Dauerwelle

Eine Erfolgsgeschichte, die das Friseurhandwerk beinahe vergessen hat.
Am 8. Oktober 1906, vor genau 120 Jahren, schrieb ein deutscher Friseur in London ein Stück Friseurgeschichte. Karl Ludwig Nessler, in England auch als Charles Nestlé bekannt, stellte in seinem Londoner Salon erstmals öffentlich eine Apparatur vor, mit der sich Haare dauerhaft in Locken verwandeln ließen. Seine Erfindung, die erste haltbare Heiß-Dauerwelle, sollte das Friseurhandwerk revolutionieren.
Doch zunächst erntete Nessler Gelächter, Spott, Schmähungen und Ablehnung durch seine Berufskollegen. Wer hätte damals gedacht, dass aus dieser belächelten Erfindung einmal eine der bedeutendsten Dienstleistungen des Friseurhandwerks werden würde?
In den folgenden 120 Jahren erlebte die Dauerwelle eine wechselvolle Geschichte. Aus riesigen Apparaten, Behandlungen von sechs bis acht Stunden und erheblichen Belastungen für Haar und Kopfhaut entwickelte sich eine moderne Dienstleistung. Seit Einführung der Kaltwelle in den 1940er-Jahren sind aufwendige Heizapparate überflüssig. Heute lässt sich eine Dauerwelle wesentlich schneller, schonender und kreativer gestalten.
Ich habe die sechziger und siebziger Jahre selbst erlebt. Damals wurde in den Salons von morgens bis abends gewickelt. Eine anstrengende Tätigkeit für Rücken, Finger und Hände. Viele Friseurinnen beschränkten sich allerdings auf die einmal erlernte Standardwicklung. Kreativität? Oft Fehlanzeige! Wellvorgänge waren anstrengend, oft wegen desolater Kalkulation auch nicht lohnenswert und damit immer unbeliebter bei Mitarbeitenden aber auch Chefs.
Dabei beweisen spezialisierte Salons bis heute, was möglich ist. Kunden nehmen teilweise Hunderte Kilometer Anfahrt in Kauf, um genau die Locken zu bekommen, die sie sich wünschen.
Paradox: Obwohl die Produkte im Laufe der Jahrzehnte besser wurden, häuften sich nach meiner Beobachtung gerade in den späten achtziger und neunziger Jahren die Probleme. Warum?
Mit dem wachsenden Drogeriemarkt kamen preiswerte Pflegeprodukte, häufig ohne fachliche Beratung. Gleichzeitig wurde in den Salons zu wenig erklärt. Eine Dauerwelle verändert die Haarstruktur chemisch. Das muss nicht zwangsläufig zu sichtbaren Haarschäden führen, verlangt aber fachgerechte Behandlung und angepasste Pflege – auch zu Hause.
Doch allzu oft galt: „Ich schneide Haare, ich bin keine Verkäuferin!“ Beratung wurde mit Verkaufen verwechselt. Dass die Verantwortung für die richtige Haarpflege auch bei den Kunden liegt, wurde selten ausreichend vermittelt. Eine einmalige Pflegebehandlung nach der Dauerwelle reicht schließlich nicht für die nächsten drei Monate.
Hinzu kamen Billigpräparate, fehlende Weiterbildung und immer weniger praktische Erfahrung. Mancher junge Friseurgeselle hatte während seiner gesamten Ausbildung gerade einmal eine Dauerwelle gewickelt. Wie sollten daraus Wissen, Können und Begeisterung entstehen?
So verschwand eine einstmals bedeutende Umsatzquelle schleichend aus vielen deutschen Salons. Als Begründung diente häufig das Argument möglicher Haarschädigungen. Dabei wurde übersehen, dass fachgerecht ausgeführte Dauerwellen und die richtige anschließende Pflege entscheidend sind.
Jetzt erlebt die Dauerwelle ein Comeback. Internationale Laufstege, Modewochen und soziale Medien zeigen längst wieder Locken und Bewegung. Besonders junge Menschen entdecken neue Frisurenformen. Auch bei Männern ist die Dauerwelle wieder gefragt.
Bemerkenswert: Frühere Versuche von Wella und anderen Herstellern, diese Dienstleistung wiederzubeleben, stießen vielfach auf wenig Interesse. Seminare blieben leer, neu entwickelte Produkte verschwanden wieder. Nun wecken soziale Medien und Angebote des Retailmarktes neue Wünsche. Wieder einmal droht eine Entwicklung am Friseurhandwerk vorbeizulaufen.
Und die Medien? Zum Jubiläum fragt der WDR in sozial Media: “Hatten sie schon mal eine Dauerwelle?” Das Bild dazu zeigt zwei Kundinnen mit großen Klettwicklern auf dem Kopf. Die ARD spricht von einem Trend, der trotz möglicher gesundheitlicher Beeinträchtigungen wieder Einzug hält.
Natürlich gibt es Risiken. Eine Dauerwelle ist und bleibt ein chemischer Prozess, der fachliches Wissen, sorgfältige Anwendung und Beratung verlangt. Doch wer ausschließlich mögliche Schäden thematisiert, übersieht 120 Jahre technischer Entwicklung und fachlicher Möglichkeiten.
Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten Friseurunternehmen darüber nachdenken, welche Dienstleistungen und Umsätze ihnen in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen sind. Die Dauerwelle gehört zweifellos dazu.
Die Dauerwelle ist keine nostalgische Randerscheinung. Sie ist eine kreative Dienstleistung, eine wirtschaftliche Chance und ein Stück Friseurkompetenz.
Man muss sie nur wieder beherrschen – und anbieten! Beim derzeitigen Fachwissen, aber auch der notwendigen Berufserfahrung mit diesem Thema, habe ich so meine Zweifel….
Rene Krombholz
Bild: Chat GPT