Ausbildung im Friseurhandwerk 1990–2025

seit Jahren rückläufig …
Zusammenfassung & Analyse
Zwischen 1990 und 2025 durchläuft das Friseurhandwerk eine der tiefgreifendsten strukturellen Veränderungen seiner Geschichte. Anfang der 1990er Jahre gehört der Beruf zu den ausbildungsstärksten Gewerken im deutschen Handwerk. Die Zahl der Auszubildenden liegt stabil im hohen fünfstelligen Bereich, getragen von einer starken Nachfrage, einem klaren Berufsbild und einer hohen Zahl familiengeführter Salons. Mit der Wiedervereinigung steigt die Gesamtzahl der Auszubildenden weiter an, und das Friseurhandwerk zählt zu den sichtbarsten Dienstleistungsberufen im öffentlichen Raum.
Ab Mitte der 1990er Jahre beginnt jedoch ein langsamer, aber kontinuierlicher Rückgang. Gründe sind unter anderem die zunehmende Konkurrenz durch neue Dienstleistungsformen, die wachsende Zahl von Kleinstbetrieben mit begrenzten Ausbildungskapazitäten sowie die strukturell niedrige Vergütung im ersten Ausbildungsjahr. Die 2000er Jahre verstärken diesen Trend: Die Zahl der Auszubildenden sinkt stetig, während gleichzeitig die Anforderungen an Betriebe steigen. Digitalisierung, neue Farb- und Schnitttechniken sowie veränderte Kundenerwartungen verlangen mehr Qualifikation, doch viele Betriebe können die Ausbildung finanziell kaum stemmen.
Um 2010 herum wird der Rückgang deutlich sichtbar. Während 1963 noch über 56.000 Auszubildende im Friseurhandwerk tätig waren, fällt die Zahl bis 2013 auf rund 30.000. Die Branche verliert damit innerhalb von fünf Jahrzehnten fast die Hälfte ihres Nachwuchses. Gleichzeitig verändert sich die Geschlechterverteilung: Der Frauenanteil bleibt hoch, doch der Männeranteil beginnt langsam zu steigen – ein Trend, der sich später als entscheidend erweisen wird.
Die Jahre 2015 bis 2019 sind geprägt von Stagnation. Die Ausbildungszahlen bleiben niedrig, und viele Innungen warnen vor einem strukturellen Nachwuchsmangel. Die wirtschaftliche Lage vieler Salons ist angespannt, und die Ausbildungsbereitschaft sinkt weiter. Dennoch entstehen in dieser Zeit neue Impulse: Social Media, Barbering-Trends und eine wachsende Lifestyle-Orientierung machen den Beruf für junge Männer zunehmend attraktiv.
2020 markiert den tiefsten Punkt der Entwicklung. Die Corona-Pandemie führt zu einem historischen Einbruch: Mit nur 9.483 neuen Ausbildungsverträgen erreicht das Friseurhandwerk den niedrigsten Wert seit Beginn der bundesweiten Berufsbildungsstatistik. Lockdowns, Unsicherheit und wirtschaftliche Belastungen treffen die Branche hart. Viele Betriebe stellen keine Auszubildenden mehr ein, und die Gesamtzahl sinkt drastisch.
Ab 2021 beginnt eine langsame Erholung. Die Neuverträge steigen wieder leicht, und 2022 stabilisiert sich die Lage weiter. Doch die Zahlen bleiben weit unter früheren Niveaus. Erst 2023 zeigt sich ein klarer Strukturwandel: Der Männeranteil erreicht 34 Prozent – ein historischer Höchststand. Das Friseurhandwerk wird zunehmend als kreativer, moderner und männlich geprägter Beruf wahrgenommen, insbesondere durch Barbering, Social Media und neue Ausbildungsformate.
2024 bringt eine moderate Stabilisierung, doch die Trendwende erfolgt erst 2025. Mit 7.497 Auszubildenden verzeichnet das Friseurhandwerk das stärkste Wachstum seit über zehn Jahren. Männer und Frauen tragen gleichermaßen zu diesem Anstieg bei, wobei der Männeranteil weiterhin dynamisch wächst. Die Branche gehört 2025 zu den wenigen Handwerksberufen mit klar positivem Trend, während viele andere Gewerke stagnieren oder rückläufige Zahlen melden.
In der Gesamtschau zeigt der Zeitraum 1990 bis 2025 eine Entwicklung von einem massenstarken Ausbildungsberuf hin zu einem kleineren, aber zunehmend diverseren und modernen Handwerk. Die Zahlen sinken über Jahrzehnte hinweg, doch die Struktur wandelt sich: Der Beruf wird kreativer, digitaler und für neue Zielgruppen attraktiv. Die Trendwende 2025 zeigt, dass das Friseurhandwerk trotz aller Herausforderungen Zukunftspotenzial besitzt – vorausgesetzt, die Branche bleibt innovativ, sichtbar und ausbildungsstark.