Wandel – Wahrheit – Wiedergeburt

Ein persönlicher Blick nach mehr als fünf Jahrzehnten im Beruf
Die Hiobsbotschaften überschlagen sich. Gleichzeitig stehen viele Friseurinnen und Friseure fassungslos vor der Frage: Was passiert gerade mit unserem Handwerk? Ich möchte darauf nicht mit einer weiteren schnellen Analyse antworten, sondern mit etwas Abstand – mit Waldblick und mit der Erfahrung aus mehr als fünf Jahrzehnten im Friseurberuf. Denn vieles von dem, was wir heute erleben, ist nicht plötzlich entstanden. Es hat sich über Jahre entwickelt.
Ein Grundsatz, den wir aus den Augen verloren haben
Eine der wichtigsten Regeln im Wirtschaftsleben lautet: Ein Unternehmen kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten profitieren. Kunden. Mitarbeitende. Unternehmen. Eine echte Win-Situation also. Genau dieses Gleichgewicht ist im Friseurhandwerk vielerorts verloren gegangen.
MITARBEITER
Der Beruf verliert seine Seele
Als ich 1966 meine Ausbildung begann, lernten wir zuerst eines: Der Friseurberuf ist ein sozial geprägter Beruf. Wir arbeiteten für Menschen. Wir verschönerten nicht nur Haare, sondern stärkten Wohlbefinden, Selbstbewusstsein und Lebensgefühl. Das machte uns stolz.
Natürlich war damals längst nicht alles besser. Acht bis zehn Stunden Arbeit, blutige Finger, Schaufensterputzen, Schneeschippen, Abwasch und Einkäufe für die Chefin gehörten zum Alltag. Vieles davon ist heute zum Glück Vergangenheit. Doch an anderer Stelle ist etwas verloren gegangen. Junge Menschen lernen sehr früh ihre Rechte – aber häufig zu wenig über Pflichten, Verantwortung und die Notwendigkeiten des Berufslebens.
Dabei sucht gerade die Generation Z nach Sinn. Und genau diesen Sinn, der uns früher stolz auf den Friseurberuf machte, vermitteln wir heute viel zu selten.
53 Prozent der Berufsanfänger verlassen den Beruf während oder kurz nach der Ausbildung.
Das ist keine Randerscheinung. Das ist ein Desaster. Als eine der häufigsten Ursachen wird mangelnde Wertschätzung genannt.
Seit meinem ersten Fachbeitrag 1998 – „Wie geht ihr mit unserer Zukunft um?“ – bis zu heutigen Debatten wie „Lieber werde ich Totengräber“ in TOP HAIR 08/2026 hat sich am Kernproblem wenig geändert. Es fehlt an Führung. Es fehlt an Konsens. Und es fehlt vielfach an einer gemeinsamen Vorstellung davon, wofür dieser Beruf eigentlich stehen soll.
In „Der faire Salon“ vermitteln wir ein neues, sinngebendes Berufsbild. Teilnehmer berichten, dass besonders junge Menschen hier sehr affin sind.
KUNDEN
Die Kunden haben sich verändert – wir oft nicht
In den 60er- und 70er-Jahren waren Salons von morgens bis abends voll. Termine spielten kaum eine Rolle, volle Warteplätze waren normal. In den 80er-Jahren ging die deutsche Kundin noch etwa alle drei bis sechs Wochen zum Friseur – ungefähr zehnmal pro Jahr. 1990 waren es nur noch sieben Besuche. Zur Jahrtausendwende etwa sechs. Die Kundenfrequenz sank.
Die zur Ursachenfindung repräsentative Verbraucherumfrage des IKW brachte damals ernüchternde Ergebnisse.
59 Prozent der Verbraucher empfanden das Styling der Friseure als zu steif, zu langweilig oder zu unnatürlich. Viele Kollegen hielten an Regeln fest, statt den Zeitgeist zu erkennen.
Noch deutlicher war die Kritik an der Preisgestaltung. 69 Prozent der Kunden bemängelten fehlende Preistransparenz und unangenehme Überraschungen an der Kasse. Doch was verstanden viele Friseure daraus? „Wir sind zu teuer.“ Genau das war aber nicht die Aussage.
IKW, Zentralverband und alle großen Anbieter der Haarkosmetik starteten daraufhin eine umfangreiche Werbekampagne. Doch große Teile der damaligen Unternehmerschaft wollten die Kritik nicht hören. Also blieb vieles beim Alten.
Dann kam Cut & Go
Andere Unternehmer reagierten schneller. Wenn Styling beim Kunden an Bedeutung verliert, lassen wir es weg. So entstand Cut & Go: Schnitt ohne Frisur. Schnell, günstig und passend zur damaligen „Geiz ist geil“-Mentalität. Die Discounter kamen – und veränderten den Markt dauerhaft.
UNTERNEHMEN
Durch die Abwanderung von Kunden zu Discountangeboten verloren rund 30.000 Beschäftigte in traditionellen Salons ihren Arbeitsplatz weil sich dort die Umsätze reduzierten.
Gleichzeitig kamen durch Fördermodelle zur Bekämpfung der damaligen hohen Arbeitslosenquote, wie die „Ich-AG“, viele dieser arbeitslos Gewordenen als neue Mitbewerber zurück in den ohnehin rückläufigen Markt.
Mehr Anbieter. Weniger Kundenfrequenz. Härterer Wettbewerb. Und trotzdem folgte die Branche weiterhin einer immer schnelleren Spirale aus neuen Produkten, neuen Trends und neuen Techniken. Vermeintlich der einzige Ausweg, um Umsatzverluste aufzufangen. Fast täglich neue Produkte im Markt – fast wöchentlich neue Trends und Techniken – das Rad drehte sich immer schneller.
BRANCHE
Der Markt wurde immer komplexer: mehr Produkte, mehr Trends, mehr Techniken. KI nennt heute auf Nachfrage fast 130 Strähnen- und Farbtechniken die derzeit aktuell sind. Die Frage bleibt: Braucht der Kunde das wirklich? Und was macht diese permanente Steigerung mit den Mitarbeitenden? Wir haben uns immer stärker um den Glanz der Haare gekümmert – und den Menschen darunter manchmal aus dem Blick verloren.
Abheben von der Masse des Überangebots – Alleinstellungsmerkmale, alles Gut – an dieser Stelle wären etwas mehr Einigkeit und Zusammenhalt in der Branche deutlich sinnvoller.
Gleichzeitig hat sich der Wettbewerb verschoben. Nicht nur der Salon nebenan kämpft um das Geld der Kunden, sondern auch Reisen, Fitness, Gastronomie, Mode und Freizeit. Viele Betriebe reagieren zu spät, verlassenen aus Kostengründen Innungen oder wechseln zu günstigeren Lieferanten – oft mit weniger Weiterbildung und Wissenstransfer. Die “Großen” der Haarkosmetikindustrie zogen schon vor Jahren die Notbremse. Immer weniger Friseurkunden, weniger Umsatz, fast alle Fachmedien mussten auf das geldbringende Anzeigenvolumen verzichten. Immer mehr Abo-Kündigungen machen den Verlagen zusätzlich das Leben schwer. Was ist los in einer Branche, die aus Kostengründen auf Weiterbildung verzichten muss – wohin bewegt sie sich???
Mehr Salons, weniger Kundenpotenzial: 2000 kamen rechnerisch noch rund 1.342 Einwohner / potenzielle Kunden auf einen Salon, 2025 nur noch etwa 1.037. Dazu kommen Sparverhalten und Preisdruck.
Jeder dritte Salon arbeitet im Rahmen der Kleinunternehmerregelung und ist von der Umsatzsteuer befreit. Auch das verändert die Kalkulation und macht marktgerechte Preisentwicklung schwierig. 22.000 € Jahresumsatz, das sind weniger als 2.000 € Umsatz im Monat – wieviel kann davon für Entwicklung und Weiterbildung abgezweigt werden???
Was zugleich fehlt, sind klare Angebote und Erlebnisse. Kinder gelten noch immer schnell als „Zappelphilipp“, Jugendliche werden kaum gezielt angesprochen, Weiterbildung wird vernachlässigt. Zu oft bleibt es bei „Schnipp, schnapp – Haare ab“, statt echte Dienstleistung erlebbar zu machen.
Viele Salons reagieren mit Niedrigpreisen. Doch wer dauerhaft billig arbeitet, gefährdet Qualität, Weiterbildung und Mitarbeiterbindung. Vermietete Meisterbriefe, Schnellkurse und Videos, die Haarschneiden als kinderleicht darstellen, verstärken zusätzlich den Verlust an Wertschätzung.
Das Friseurhandwerk steckt damit in einem Teufelskreis. Genau diese Entwicklung habe ich bereits 2009 vorausgesehen, als wir gemeinsam mit TOP HAIR die Wertegemeinschaft Der faire Salon gründeten. Auch mein Beitrag „Der Haarschnitt von McDonald’s?“ stellte die Frage, ob sich unser Markt ähnlich entwickelt wie Bäcker, Metzger, Schneider oder Schuhmacher. Für einen großen Teil der Kunden entscheidet dort längst der Preis – auch mit sinkender Qualität.
Ausblick – das Handwerk erlebt seine Renaissance
Ich bin überzeugt: Das Friseurhandwerk wird eine Renaissance erleben. Es wird eine neue Sinngebung erfahren – so, wie wir sie im Fairen Salon seit Jahren beschreiben.
Genau dafür gibt es im Mitgliederbereich den Werkzeugkasten des Fairen Salons. Er soll nicht erklären, wie schön die Zukunft sein könnte, sondern helfen, sie im eigenen Salon praktisch umzusetzen. Seine Grundlage sind Jahrzehnte Berufspraxis, Erfahrungen aus Seminaren, Workshops und Unternehmensberatung sowie Lösungen, die sich im Salonalltag bewährt haben.
Der Nutzen liegt in der direkten Umsetzbarkeit: Vorlagen und Leitlinien, funktionierende Beratungsstrukturen, klare Serviceabläufe, Teamregeln und Kommunikationshilfen, Standards für Qualität und Kundenerlebnis sowie Werkzeuge für Motivation, Loyalität, Sichtbarkeit und Markenaufbau. Damit bekommt ein Salon konkrete Hilfen an die Hand, um sich klarer zu positionieren, Mitarbeitende besser einzubinden, Kunden stärker zu binden und Qualität nicht nur zu versprechen, sondern erlebbar zu machen.
Es gibt genügend Menschen, die bewusst nach Qualität suchen und bereit sind, dafür angemessen zu bezahlen. Genau darin liegt eine große Chance für unser Handwerk. Gerade heute suchen viele Menschen wieder individuelle Beratung, handwerkliche Präzision, persönliche Betreuung und echte Expertise. Und sie sind bereit, dafür zu bezahlen. Wer diese Kundengruppe ernst nimmt, hat Zukunft.
Wir sind am Ende mit dem immer mehr, schneller, weiter…. es bedarf eines Moments des Innehaltens und der Besinnung! Wo stehe ich, wo will ich hin? So beginnt jeder Weg im Mitgliederbereich der Wertegemeinschaft um dann den weiteren Weg zu bestimmen: Teamarbeit, Betriebswirtschaft, Marketing, Führung…
Viele Mitglieder unserer Wertegemeinschaft – und auch andere erfolgreiche Salons – haben diesen Weg bereits eingeschlagen. Diese Betriebe zeigen, dass es funktioniert.
Die Mehrheit sucht dagegen noch immer Ausreden:
„Die Kunden haben kein Geld.“
„Das Wetter ist schlecht.“
„Es ist zu heiß.“
„Es ist zu kalt.“
Ausreden gibt es genug.
Möglichkeiten auch. Man muss sie nur suchen, finden – und nutzen.
Das allerdings ist Arbeit – die sich aber lohnt!
Viel Erfolg dabei
Rene Krombholz
https://der-faire-salon.de/

Grafiken KI generiert